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Verena Flick's Journal
 
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    Wednesday, September 27th, 2006
    1:02 pm
    Monday, September 18th, 2006
    10:32 am
    Saturday, September 9th, 2006
    12:52 pm
    Tuesday, September 5th, 2006
    5:15 pm
    Sunday, September 3rd, 2006
    1:08 pm
    DER UNTERSCHIED VON SCHULD UND SCHANDE
    Bemerkungen zu Martin Walser
    „Ich bitte auf diesen vorsichtigen Sprachgebrauch der Selbsterkundung hinweisen zu dürfen. Ich taste in meinen Bewußtseinszuständen herum, um mich kennenzulernen.“ So charakterisiert Martin Walser in seiner Rede an der Universität Duisburg die Methode, nach der er seine umstrittene Paulskirchenrede verfaßte. Es ist ein Gebot der Fairneß, ihn beim Wort zu nehmen und ihm nichts zu unterstellen, was er nicht ausdrücklich gesagt hat.
    Freilich kann gerade diese Fairneß nicht davon dispensieren, genau wahrzuneh-men, wie dieser Prozeß der Selbsterkundung in Walsers Paulskirchenrede plötzlich ins Stocken geriet. Die Schockwirkung, die diese Rede auslöste, scheint mir eine Folge eines Schocks zu sein, den Walser selbst bei der Verfassung seiner Rede er-litten haben könnte. Dieser Schock hat ihn womöglich daran gehindert, im Prozeß der Selbsterkundung noch konsequenter fortzufahren, mit dem Risiko eines bitte-ren Endes.
    Welche Indizien sprechen nun für solch einen Schock? Zitieren wir in diesem Zu-sammenhang die Stelle aus der Paulskirchenrede, in der die Selbsterkundung des Autors besonders weit, bis an die Grenze des Erträglichen betrieben wird. “Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Könnte es sein, daß die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, daß sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wie-der im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern? Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und Opfern. Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.“
    Diese Stelle ließ Bedeutendes erwarten. Der Autor legt hier einen Finger auf eine Wunde, die noch nicht verheilt ist. Er spricht aus, daß es den deutschen Intellek-tuellen trotz aller Mühen noch nicht gelungen ist, sich aus den sicher ungewollten und doch übermächtigen Verstrickungen zu befreien, die sie mit den Tätern ver-binden. Nun wäre es an der Zeit gewesen, den Prozeß der Selbsterkundung so weit voranzutreiben, daß diese Verstrickungen nicht nur im allgemeinen, sondern auch im besonderen zu erkennen sind.
    Doch genau an diesem Punkt hört bei Walser die Selbsterkundung auf. Der Autor spricht nur davon, daß er „die Seite der Beschuldigten“ nicht verlassen kann. Aber dann gibt er selbst zu, bei den Beschuldigungen nicht mehr hinhören zu können, und schweigt über die Ursachen dieses Stockens im Prozeß der Selbsterkundung.. Und dann spricht er ohne Vorbereitung davon, daß die Deutschen „ ein normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft“ seien. Wie aber kann ein Volk normal sein, in dem selbst die kritischen Intellektuellen noch immer eine innere Verbindung zu den Tätern spüren, gegen ihren Willen und ihr Bewußtsein, doch gerade darum als un-überwindliche Macht?
    Doch so wenig diese Haltung mit der Vernunft zu erklären ist, so sehr entspricht sie der inneren Logik des Schocks. Gerade weil das Bewußtsein das genaue Hin-schauen und Hinhören nicht mehr erträgt, flüchtet es sich in die Vorstellung von der Normalität des deutschen Volks, wie ein Schmerzgeplagter zu starken Medi-kamenten flieht, ohne auf Risiken und Nebenwirkungen dieser Medizin näher zu achten.
    Dies zeugt davon, daß der Autor offensichtlich die Hoffnung verloren hat, diese schmerzliche Erfahrung durch Bewußtwerdung zu erhellen und dadurch aushal-ten zu können. Angesichts der Tatsache, daß schon ein Drittel der ostdeutschen Bevölkerung rechtsradikalen Ideen gegenüber empfänglich ist, erscheint solche Hoffnungslosigkeit eines bedeutenden Schriftstellers besonders erschreckend. Liegt die Wurzel dieser Hoffnungslosigkeit aber nicht gerade darin, daß Walser die deutsche Schuld vor allem als Schande empfindet? Wenn Walser sich noch ge-nauer fragen würde, warum seine Kritiker besonders an seinem Begriff der Schande Anstoß nehmen, so könnte der ins Stocken geratene Prozeß der Selbst-erkundung auf eine intensivere , gewiß schmerzlichere Weise fortgesetzt werden.
    Es gibt eine Stelle in Walsers Duisburger Rede, die besonders eindringlich auf die Widerstände hinweist, die den Autor bislang an einer solchen Fortsetzung gehin-dert haben. Das sagt er: “Ignatz Bubis wirft mir vor, daß ich immer nur Schande sage und nie Verbrechen. Mein Gott, möchte ich da ausrufen, wovon, wenn nicht von Verbrechen, zeugt Schande.“ Hat sich Walser wirklich genau überlegt, was er hier sagte? Es bedarf nur einer geringen Mühe, um aufzuzeigen, daß die Sprache sehr wohl von Schande reden kann, ohne auch nur im geringsten von Verbrechen zu zeugen.
    So brachten jahrhundertelang ledige Mütter ihren Familien große Schande. Auch rote Haare galten in bestimmten ländlichen Gegenden als Schande. Schnitzlers Leutnant Gustl empfand es als eine so extreme Schande, von einem Bäckermei-ster „dummer Bub“ genannt zu werden, daß er sich umbringen wollte, weil er sich mit dem nicht satisfaktionsfähigen Handwerker nicht duellieren konnte. Kinder von Sozialhilfempfängern empfinden es als Schande, nicht die gleiche Markenware wie ihre Mitschüler tragen zu können, und Impotenz wird im allgemeinen als Schande empfunden.
    Solche Beispiele aus Geschichte und Gegenwart lassen erkennen, wie zweideutig im ethischen Sinne ein Wort wie Schande ist. Diese ethische Zweideutigkeit hat wohl die Kritiker von Walser besonders irritiert. Daß aber auch die Sprache der Kritiker nicht immer von dieser Zweideutigkeit frei ist, zeigt der Ratschlag der „ZEIT“ an Walser, der Autor solle doch lieber von Scham als von Schande reden, da dies von einer individuelleren Einstellung zeuge.
    Wird hier nicht der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben? Hört man nämlich genau hin, so wird man nicht leugnen können, daß ein Wort wie „Scham“ die glei-che ethische Zweideutigkeit wie „Schande“ ausstrahlt. Beide Wörter stehen in ei-nem viel engeren Zusammenhang, als der „ZEIT“- Kritiker von Walser meint. Scham wird im allgemeinen dann empfunden, wenn sich der Mensch in einem Zustand befindet, den er als Schande ansieht. So schämt sich etwa der soziale Aufsteiger seiner Eltern, weil er ihre Armut als Schande empfindet. Schande und Scham verhalten sich also zueinander wie Ursache und Wirkung.
    Das Beispiel des sozialen Aufsteigers zeugt aber auch davon, daß der Begriff der Scham mit dem Begriff der Schande durch seine ethische Zweideutigkeit verbun-den ist. Daß das Gefühl der Scham ein „moralisch souveränes Bewußtsein“ frei-setzt, wie in der „ZEIT“ behauptet wird, ist bloßes Wunschdenken. Hat aber nicht gerade dieses Wunschdenken das Reden über Auschwitz so erschwert, daß es ständig von den falschen Tönen durchsetzt wird, an denen Walser sich nicht grundlos stieß? Das fing schon kurz nach 1945 an, als Theodor Heuss vorschlug, den Begriff der Kollektivschuld durch den der Kollektivscham zu ersetzen. Mit diesem gewiß in der besten Absicht gemachten Vorschlag wollte er die Kluft zu-schütten, die das Gewissen der Deutschen gespalten hatte: die Kluft zwischen den Normen, die das Schamgefühl, und den Normen, die das Schuldgefühl gesetzt hat. Dabei gibt es gewichtige Indizien dafür, daß diese Spaltung des Gewissens entscheidend dazu beigetragen hat, daß sich der Nationalsozialismus durchsetzen konnte.
    Wir alle spüren im Alltag diese Spaltung, wenn wir uns ehrlich eingestehen, daß wir im Grunde lieber für böse als für blöd, lieber für durchtrieben als für behin-dert, lieber für gefährlich als für neurotisch gehalten werden wollen. Hier regt sich das archaische Gewissen in uns, das die Schande ungleich mehr fürchtet als die Schuld. In beiden Fällen erwarten wir zwar gleichermaßen eine feindselige Reakti-on der Außenwelt. Der Unterschied liegt jedoch darin, daß in einem Fall diese Re-aktion rational verständlich ist, im anderen aber nicht. Sind wir schuldig geworden, so werden wir von der Umwelt für unsere Taten gestraft, sind wir in Schande ge-fallen, so erregt nicht nur unser Tun, sondern auch unser Sein Anstoß. So können wir auch der Schande verfallen, wenn wir nichts Böses getan haben.
    Wodurch aber verfällt ein Mensch der Schande? Der Antwort auf diese Frage kommen wir näher, wenn wir das Phänomen des erniedrigenden Spottes untersu-chen, wie er in den Vorgängen des Auslachens, Verhöhnens und Hänselns zum Ausdruck kommt. Dieser erniedrigende Spott ist die unmittelbare Reaktion auf das, was wir im allgemeinen als Schande empfinden, und er bewirkt, daß wir die Schande oft mehr fürchten als die Schuld. Wenn wir das Bedürfnis haben, jeman-den zu hänseln, so setzt die in Jahrhunderten mühsam erworbene Fähigkeit, zwi-schen Tun und Leiden zu unterscheiden, kurzfristig aus. Schon allein die Tatsache, daß in unserer Sprache ein Wort wie “häßlich“ existiert, deutet darauf hin, daß die Entdeckung der Zurechnungsfähigkeit in den archaischeren Schichten der Spra-che überhaupt nicht registriert wird. Ein Mensch erregt Haß, weil er häßlich ist, obwohl er nichts Böses getan hat - so ist der Gestus des Auslachens in der Spra-che verfestigt und bewahrt doch etwas von seiner Spontaneität. Je spontaner die-ser Gestus nämlich ist, desto mehr verbindet er sich mit einer elementaren Ag-gression. Das Lachen ist nicht wie sonst Ausdruck des Vergnügens, sondern Zei-chen eines archaischen Abwehrzaubers.
    Was aber wird da abgewehrt? Stets ist es ein Leiden, das den erniedrigenden Spott provoziert: sei es ein physisches oder psychisches Gebrechen, eine aus dem Rah-men fallende Form des Körpers oder eines seiner Teil - kurz: Häßlichkeit - , sei es fremdartiges Aussehen, Ängstlichkeit, Empfindlichkeit oder eine sonstige Abson-derlichkeit. Im ersten Band der Flaubert-Biographie „Der Idiot der Familie“ hat Sartre eine Erklärung für die Aggression angeboten, die das Leiden erweckt. Er erinnert sich nämlich angesichts einer extrem häßlichen und unter ihrer Häßlich-keit leidenden Heldin eines Jugendwerks von Flaubert daran, daß die Neapolitaner solche Frauen als „jettatrice“ bezeichnen, also als Wesen, die allein durch ihre Häßlichkeit einen bösen Blick werfen und dadurch die andren verzaubern.“...fast überall sagt man denjenigen, die einen bösen Blick haben, zwei oder drei dieser Merkmale nach; sie sind unglücklich, fremdartig (anders als die anderen oder fremd) und häßlich.“ Daß der Akt des erniedrigenden Spottes meist mit dem Vorgang des Nachäffens verbunden ist, spricht für Sartres These: der böse Blick wird auf diese Weise zurückgegeben. Da-durch zeigt sich aber auch, daß die Lust am erniedrigenden Spott zugleich den Einbruch des magischen Denkens in das aufgeklärte Denken markiert.
    Nur innerhalb des magischen Denkens wird verständlich , warum leidende, aber sonst harmlose Menschen derartige Aggressionen auf sich ziehen können. Der leidende Mensch als Privatperson -er soll bei dem Akt des Hänselns ja nicht ge-troffen werden. Die Aggression richtet sich bei diesem Akt gegen das, was der lei-dende Mensch abbildet, gegen die Macht des Todes, die die Form des menschli-chen Körpers stets von neuem deformiert. So wie im Schadenzauber das Durch-stechen einer Puppe den Menschen treffen soll, nach dessen Bild die Puppe ge-staltet ist, soll im Akt des erniedrigenden Spottes der Tod getroffen werden, den der Verspottete abbildet.
    Die Angst davor, gleichsam Ikone des Todes zu sein - das ist die Wurzel der Angst vor der Schande. Daß diese Angst in unserer Kultur immer mehr von der Angst vor der Schuld zurückgedrängt wurde, ist nicht zuletzt auf das jüdische Bilderverbot zurückzuführen, das über das Christentum und die Aufklärung, die die jüdisch - christliche Tradition säkularisierte, unsere Kultur mehr und mehr prägte. Es ist ja kein Zufall, daß dieses Bilderverbot in der jüdisch - christlichen Tradition eng mit der messianischen Hoffnung für die Armen, Elenden und Lei-denden verbunden war. Denn das Bilderverbot bewirkt eine scharfe Trennung zwischen dem, was der Mensch ist, und dem, was er abbildet. Dadurch wird der Blick für den konkreten Menschen in all seiner Leidensfähigkeit frei; das Quälen der Leidenden, um dadurch auf magische Weise den Tod zu treffen, wird zur Schuld.
    Das führte in unserer Kultur zu einem kulturellen Konflikt zwischen dem alten, an der Schande, und dem neuen, an der Schuld orientierten ethischen System. Immer wieder wurde versucht, diesen Konflikt zu verschleiern und zu vertuschen. So zeugt etwa die europäische Trivialkultur, in der die Guten alle schön, jung und stark, die Bösen aber größtenteils häßlich sind, von der Übermacht des Bedürfnis-ses, einen Kompromiß zwischen den beiden ethischen Systemen zu finden.
    Dies wirft auch ein neues Licht auf den Nationalsozialismus. Er zeugt von einem historischen Moment, in dem die Kluft zwischen beiden ethischen Systemen un-überbrückbar wurde. Oft hatte man sich gewundert, wie die nationalsozialistische Ideologie, deren pseudowissenschaftlicher, sektiererischer Charakter doch auf der Hand liegen mußte, so viele Anhänger gewinnen konnte. Wenn man aber die Kluft zwischen den ethischen Systemen erkennt, so wird manches verständlicher. Denn die Nazi-Ideologie diente nur einem Ziel: die ethischen Folgen des jüdischen Bil-derverbots zu beseitigen und das archaische Gewissen als einzige Instanz anzuer-kennen. Die Pseudowissenschaft erfüllte dabei den Zweck, diesem Ziel einen mo-dernen Anstrich zu geben.
    Die ethische Katastrophe, die diese Rücknahme des jüdischen Bilderverbots mit seiner strengen Trennung von Tun und Sein hervorgerufen hatte, ist bekannt. Gerade darum wäre es sinnvoll gewesen, nach 1945 den Unterschied zwischen bei-den ethischen Systemen herauszuarbeiten. Doch nichts dergleichen geschah. Denn kaum etwas schien den Deutschen nach der Niederlage unerträglicher zu sein, als die Kluft zwischen diesen Systemen wahrzunehmen. Bewirkte doch gerade die Niederlage bei den Deutschen das Gefühl, regelrecht in zwei Hälften zerrissen zu werden. Einerseits litten die Deutschen aufrichtig unter dem Ausmaß der Verbre-chen, die sie nicht sehen wollten; so radikal hatten sie sich die Rückkehr zur archai-schen Ethik nun doch nicht vorgestellt. Andererseits aber war diese archaische Ethik in ihnen noch zu mächtig, als daß sie nicht ihre Niederlage als Schande emp-funden hätten.
    Hätten die Deutschen diesen Zwiespalt nach 1945 wahrgenommen, wäre das viel-berufene deutsche Schweigen durchbrochen worden. Doch seit dem Heuss-Wort von der Kollektivscham war das allgemeine Bewußtsein in beiden Teilen Deutsch-lands darum bemüht, diese Kluft zuzuschütten, um das ganze Ausmaß des Schrek-kens nicht wahrhaben zu müssen. Doch in den letzten Jahren wird die Selbstbe-hauptung des archaischen Gewissens gegenüber dem jüdisch-christlich aufkläreri-schen Gewissen immer deutlicher: nicht nur die Gewalt im Schulhof, das immer weiter verbreitete Mobbing und die Attacken der Skinheads auf Ausländer und Behinderte zeugen davon. Die Kluft zwischen einer Ethik, die an der Schande, und einer Ethik, die an der Schuld orientiert ist, läßt sich nicht mehr überbrücken. Ist die Unerträglichkeit dieser Kluft vielleicht die Ursache, daß Martin Walser zugleich die Einheit von Schande und Schuld beschwor und eingestand, bei der Erwähnung der deutschen Schuld weghören zu müssen? Und dennoch müssen wir gerade dem Unerträglichen ins Auge schauen, wenn sich die ethische Krise der Gegenwart nicht noch mehr ausweiten soll.
    Thursday, August 31st, 2006
    10:40 am
    DER SCHNEESTURM
    EINZIGER AKT
    (Fabrikhalle im typischen Stil der dreißiger Jahre, die durch ihre Monumentalität erdrückt, zugleich Ausweichquartier eines Theaters. Hier probt eine Gruppe von Schauspielern in Ar-beitskleidern Shakespeares „Richard III.“ )
    RICHMOND(Ende dreißig): Zerbrich der Bösen Waffe, gnäd’ger Gott,
    Die diese Tage möchten wiederbringen
    Daß England weinen müßt’ in Strömen Bluts
    Der lebe nicht und schmeck’ des Landes Frucht,
    Der heim des schönen Landes Frieden sucht!
    Getilgt ist Zwist, gestreut des Friedens Samen
    Daß er hier lange blühe, Gott, sprich Amen!
    (Er greift sich recht unsanft eine Schauspielerin heraus und läßt sich mit ihr auf einer Bank nieder, die anderen tun das gleiche. Eine Gruppe von Schauspielerinnen kommt hinzu, auch sie werden unsanft gepackt und auf die Bänke gezerrt. Dann beginnt ein großes Besäufnis aus imaginären Flaschen, wobei alle Proll -Klischees so richtig ausgespielt werden: Grölen, Tor-keln, Rülpsen etc. Einer steht auf und ahmt einen Hinkenden nach. Andere folgen ihm, wäh-rend das Gegröle allmählich in ein Geschrei übergeht, das immer schmerzlichere Züge an-nimmt. Plötzlich schaut jemand nach oben und zuckt zusammen, andere tun es ihm nach. Bald sieht auch das Publikum Richard, wie er, von Schnüren gehalten, über der Gruppe schwebt.Die Schreie der Schauspieler werden eindeutig zu Schmerzensschreien, dann fallen alle zu Boden, schreien und zappeln noch eine Weile, dann liegen sie reglos am Boden. Bei alledem verausgaben sie sich so sehr, daß all das, was Richard im folgenden sagt, nicht sehr verständlich erscheint.)
    RICHARD (Endfünziger mit Kunstglatze, ganz in schwarz, landet am Boden und klatscht abwinkend in die Hände):Das wars also. Leider. Was glotzt ihr so? Ihr seid wohl eben erst aufgewacht und denkt, daß die Probe jetzt anfängt? Und dabei ist euch eben Richard III. als Geist erschienen! Nachdem ihr ihn alle zu Tode gehetzt habt! Den Richard mit seiner wunder-bar funkelnden Bosheit habt ihr mit euren formlosen Gutmenschenkörpern zur Strecke ge-bracht. Und dann erscheint er euch als Geist, und ihr könnt nicht einmal darüber erschrecken. Selbst das Gemeinsein strengt euch zu sehr an. Doch was soll’s. Jetzt ist Feierabend. Ja, Fei-erabend.
    STATISTIN: Sind wir am Schluß alle tot?
    RICHARD: Schlag nach bei Shakespeare. Da steht das gewiß nicht drin. Und Richards schwebenden Geist wirst du auch dort nicht finden. (Die Statistin flüchtet zurück in die Grup-pe, allgemeine Aufbruchsstimmung. Als die ersten schon gegangen sind, wendet sich Richard an Anna)
    RICHARD: Anna. Du bleibst noch.(Anna, noch sehr jung, zuckt zusammen, er umarmt sie heftig, dann stößt er sie ebenso heftig zurück. Anna weicht zurück, dann geht sie zögerlich auf ihn zu. Alle gehen außer Anna und Richard, Richmond und Margareta)
    RICHMOND: Gehn wir noch einen trinken?
    RICHARD: Hast du mir noch etwas zu sagen? Ich nicht. Ich bin ja zufrieden mit dir. Du hast genau so perfekt getrampelt, wie ich es vorausgesehen habe. Ich kenne dich: du bist immer am besten, wenn du dich selbst spielst.
    RICHMOND: Meinetwegen. Aber das buntkarierte Jackett und die Krankenkassenbrille aus den frühen sechziger Jahren will ich nicht tragen.: So etwas gibt es schon in jedem Provinz-theater.
    RICHARD: Daß die Provinz uns alle beherrscht, weiß ich auch. Doch du sollst ja gerade ei-nen Herrscher spielen! (Er umarmt Anna wieder, noch eine Spur hastiger als zuvor.) Du, liebe Anna, hast zwar auch recht provinziell gespielt. Leider aber war das die Provinz von gestern, die sich noch ducken konnte und ans Herrschen nicht dachte. Wie eine alte Chinesin mit ver-krüppelten Füßen hast du getrippelt. Und solltest doch tanzen. Tanzen, Anna, Tanzen! Vergiß nicht, du bist Witwe. Alle vier Frauen in „Richard III.“ sind Witwen. Und Witwen tanzen immer, selbst wenn man es nicht sieht. Das ist ein Überbleibsel der alten Zeiten, als die Frau-en noch Königinnen waren. Und der König, der zu ihnen gehörte, wurde Jahr für Jahr geop-fert, von der Hand des neuen Herrschers. Ach, wie tanzten da die Königinnen, tanzten, tanz-ten, bis die Erde ganz hart war und der Tote nimmermehr aus dem Grab steigen konnte. Und dann tanzten sie den neuen Hochzeitstanz. Später wollten die Könige dann nicht mehr sterben und wurden nur ein wenig gelähmt, und mußten hinkend tanzen, und so entstand das Theater, Anna! In Griechenland trugen alle Tragödienschauspieler hochhackige Schuhe, damit sie bes-ser hinken konnten. Und nun stell dir vor, ich bin Richard III., den schon die Mutter Natur mit einem Hinkebein versehen hat, und muß immer so, so gehen.(Er macht einen Hinkenden auf eine grob-parodierende Weise nach)Und keine Frau will mich lieben, und die Kinder lachen mir hinterher.(Hinkt noch stärker). Und dann entdeckt er plötzlich, daß gerade sein lächerli-ches, schändliches Gebrechen ein Zeichen seiner königlichen Auserwähltheit ist. Hat nicht die allergrößte Königin, die Mutter Natur, mich damit gezeichnet, um mit mir tanzen zu können? Habe ich nicht diese Auserwähltheit durch die Tat bewiesen? Habe ich nicht deinen Mann getötet, Anna? Um an seine Stelle zu treten? Und du willst nicht triumphieren? Nicht tanzen? Stärker als alle die anderen müßtest du tanzen, denn du ahnst, daß ich dich töten werde, damit du mich nicht wie all meine Vorgänger tötest! Du verwirrende Wildnis, du Irrgarten voller Rosen und Nesseln und verwesender Vögel, du wirst nicht über mich wachsen! (Er küßt sie) Lieber mache ich dich ganz und gar kahl und trample dich zu Boden, daß du nicht mehr auf-stehen kannst. Das weißt du doch. Warum wehrst du dich nicht? Warum tanzt du nicht wie Margareta?
    MARGARETA(noch etwas älter als Richard):Kein Wunder, daß ich tanzen kann. Ich bin ja wirklich Witwe. Immer wieder bin ich Witwe geworden. Und weil meine toten Männer sich selbst überlebten und und mir daher noch immer über den Weg laufen, ist es um so bitterer. Bald, Anna, wirst du auch auf diese Weise Witwe werden. Vielleicht bist du es schon. Wenn du das weißt, wirst du auch tanzen .
    ANNA (während Richmond zu Richard geht und mit ihm etwas bespricht): Die Halle ist so hoch und starr. Wenn ich da tanze, werde ich aussehn wie eine zappelnde Fliege. Und die Luft ist auch zu dick zum Tanzen. Gut, daß das hier eine Fabrik ist und kein richtiges Thea-ter. Da gibt es wenigstens Fenster. (Sie zieht an der rechten Wand einen Vorhang zur Seite und öffnet ein Fenster. Undefinierbares Licht und ebenso undefinierbare Klänge dringen in den Bühnenraum ein.)
    ANNA: Schaut. Habt ihr je so einen schwarzen Himmel gesehen? Dabei ist es erst viertel nach vier. Und die Brandmauer der gotischen Fabrikruine sieht wirklich verbrannt aus. Und da, hoch über dem Gaswerk! Ein ururaltes Riesenrad mit roten Lichtern.. Und da unten, da ist noch etwas Altes. Ein dunkelblaues Zelt mit vielen goldenen Sternen. Aber da kommen ja Leute heraus! Und sie tragen goldene Standarten, Sonne, Mond und Sterne und haben lange Haare oder Glatzen und die meisten sind ganz in Schwarz, doch da sind auch Feuervögel mit schillerndem Gefieder...(Die diffusen Klänge verdichten sich zu einem düsteren Marsch)
    RICHARD: (tritt zum Fenster, schaut kurz heraus und zerrt Anna fort)Das sind nur irgend-welche Grufties, die ihre Rituale pflegen.
    MARGARETA: (sieht zum Fenster hinaus) Ja, die Wolken sind schwarz. Es ist ein schlimmes Wetter vorausgesagt. Erst Gewitter, dann Schneesturm. Wir sollten machen, daß wir nach Hause kommen. Auch die da unten sollten ihre Sachen packen.
    RICHMOND: (sieht ebenfalls hinaus) Nach Hause? Sollen unsre Autos erst vom Hagel er-schlagen werden und dann im Schnee stecken bleiben? Da drüben, gleich neben dem Jahr-markt, gibt es eine so schön vergammelte Kneipe...(Plötzlich blitzt es, ein Donnerschlag er-schüttert die ganze Bühne. Alle stehen wie angewurzelt. Ein Sturm bricht los, weitere, noch stärkere Donnerschläge folgen. Es hagelt).
    RICHARD: Wir müssen warten.
    MARGARETA: Das Wetter dauert, sagt man, den ganzen Abend und vielleicht die ganze Nacht. (Man hört ein lautes Klirren, als würden mehrere Fensterscheibe zerschlagen. )
    ANNA: (zuckt zusammen) Waren das die Fenster im Erdgeschoß?
    RICHARD: Wir müssen nachsehn. (Er winkt Richmond zu, beide ab)
    ANNA: Du darfst nicht denken, daß er immer so ist. Manchmal, wenn er Fieber hat und leise aufstöhnt oder unter der Dusche so vor sich hin singt...
    MARGARETA:...dann wird er wieder zum kleinen Kind, zu einem ganz besonders unschul-digen...Und wegen diesen kurzen Augenblicken von Mutterglück nehmen wir in Kauf, daß sie uns die übrige Zeit durch und durch klein machen müssen, um sich erwachsen zu fühlen. Ach, Anna! So sind wir Frauen schon seit uralten Zeiten!
    ANNA: Wer sagt denn, daß immer alles so sein wird wie in alten Zeiten? Neulich habe ich mich mit dem Bus verfahren -ich bin ja noch nicht lange hier - und landete an einem alten Bahnhof. Die Fenster hatten keine Scheiben mehr, und an den Überdachungen zwischen den Gleisen wuchsen arabische Ranken aus tiefschwarzem Eisen. Sie wurden noch viel finsterer in der dunkelgoldenen Sonne, die am Himmel hing, als müßte sie immerzu sinken und könnte doch nie und nimmer untergehen. Und eine Brandmauer ragte zwischen zwei rußigen Häu-sern, fast so hoch wie hier die Mauer der Fabrikruine, und ganz, ganz oben in der Mauer war ein kleines Fenster, und darin flackerte ein Licht...
    MARGARETA: Anna, jetzt bist du wieder ganz weit weg. Und er wird sich beschweren, daß du nicht geistesgegenwärtig bist. Bald wirst du auf der Straße sitzen. (Ein starker Sturm be-ginnt, der während der folgenden Szene immer stärker wird.)
    ANNA: (geht zum Fenster.) Es schneit. Und eben hat es noch gedonnert. Warum kommen die Männer nicht wieder?
    MARGARETA: Hörst du nicht die Schritte? (Wirklich kommen Schritte näher, und dann betritt Sophie die Bühne. Sie ist , wie im Märchen von Allerleihrauh,, in einen Mantel aus allen möglichen Pelzen gekleidet und trägt eine weißhaarige Perücke und die Maske einer uralten Frau. Sie trägt eine Standarte mit einem goldenen Mond, wie in alten alchimistischen Büchern, in der Hand. Anna und Margareta treten erschrocken zurück.)
    SOPHIE: (außer Atem). Verzeihen Sie! Eben war es noch so warm, daß wir draußen üben konnten für unser Frühlingsfest. Plötzlich hat es gedonnert und gehagelt, und dann kam der Schneesturm . Da sind wir alle mit Sack und Pack in euer Haus geflohen. Aber unten ist es so kalt. Und hier oben so warm. Und eine richtige Bühne gibt es hier auch. Wir werden bald auf vielen Bühnen stehen. Und wissen noch nicht, wie das sein wird. Dürfen wir...(Während Mar-gareta vor Schreck noch nicht regiert, ermuntert Anna Sophie mit einer Handbewegung. So-phie atmet erleichtert auf , klatscht in die Hände und pfeift eine marschartige Melodie. Auf dieses Signal hin betritt die Truppe der Schauspieler die Bühne. Sie sind sehr verschieden gekleidet, wobei mehrere historische Epochen anklingen. Das Schwarz überwiegt, einige sind dazu farbig geschmückt, und bei einigen leuchten die Farben wie Feuervögel aus dem Dunkel. Einige tragen Sonnen-, Sternen - und Mond-Standarten. Andere tragen ein zusammengerolltes dunkelblaues Zelt mit goldenen Sternen. Ein Bär und ein Kamel begleiten die Truppe. Die Schauspieler nehmen Sophies gepfiffenes Signal auf und spielen einen düsteren Marsch, teil-weise mit den verschiedenartigsten, kaum zusammenpassenden Instrumenten, teilweise mit Gegenständen, die Geräusche erzeugen. Dazu singen sie :
    SCHAUSPIELER:
    Aus den Mooren schwarz und schwer
    schweifen wir, ein Schattenheer.
    Strauch und Stumpf, sie stehn so starr,
    schnarrend ruft die Rabenschar.

    Unser Schreien wird zu Stein,
    doch uns führt ein ferner Schein.
    Was im Sumpfdunst stumm sich bricht,
    ist der schwarzen Sonne Licht.
    (Der Chor geht in ein Summen über, das erst verhalten ertönt, dann stärker und stärker wird. Dabei bauen die Schauspieler ihr blaues Zelt mit den goldenen Sternen auf. Dann verstreuen sie sich im Hintergrund der Bühne. Plötzlich werden Kulissen geschoben, und bald erscheint die Bühne als verschneiter Tannenwald mit einer Ruine wie von C.D. Friedrich. Über dem Tannenwald leuchtet ein Himmel mit goldenen Sternen. Einige Schauspieler suchen hinter der Kulisse und kommen mit Architekturteilen hervor, so daß die Ruine immer dreidimensionaler wird und dabei einen surreal-labyrinthischen Charakter annimmt. Einige Schauspieler impro-visieren mit ihren Instrumenten. Andere haben offensichtlich hinter der Kulisse die Windma-schine entdeckt und in Bewegung gesetzt. Der Wind im Bühnenraum tritt in Kontrast zum regelmäßig aufheulenden Sturm von draußen. Dieser Dialog zwischen Wind und Wind setzt sich während der ganzen folgenden Szene fort. )
    ANNA: (der das Ganze sichtlich Spaß macht) Wollt ihr noch Schnee haben? Paßt einmal auf? (Sie springt hinter die Kulissen zu den anderen, und plötzlich beginnt es zu schneien. ) Schau, Margareta! Das ist wie ein Kindergeburtstag!
    MARGARETA: (aus ihrer Erstarrung erwachend) Ja, das ist das Bühnenbild vom Weih-nachtsmärchen. Doch was da gespielt wird, taugt nicht für Kinder. Ach Anna - was haben wir hereingelassen?
    ANNA: Hast du nie geträumt, auf so einer Bühne zu stehen?
    MARGARETA: Doch. Ja, doch. (Sie nähert sich anderen, deren ungeordnetes Spiel zusam-men mit dem Schneesturm weitergeht. Die Bären und das Kamel werfen ihre Tiermasken ab, schwarzgekleidete Menschen werden sichtbar. Alle treten zurück, als Sophie Perücke, Maske und Allerleihrauhkleid abwirft und als junge Frau in einem Sternenkleid erscheint. Ein Schwarzgekleideter setzt Sophie mit langsamen Gesten eine Krone auf. Die Instrumente spie-len ein trauriges Lied, und sie singt.)
    SOPHIE: Ach Bruder, liebster Bruder,
    ich muß mit dir davon.
    Mein Vogel flog ins Dunkel,
    die Federn bluten schon.

    Es rollen rote Perlen,
    durch Federn, weiß wie Schnee.
    Die schwarzen Augen starren.
    Ach weh mir, Liebster, weh!
    10:29 am
    (Plötzlich tritt Merlin, der eine besonders große Sonnen-Standarte trägt, aus der Gruppe der Schauspieler. Durch seine Kunstglatze, sein leichtes Hinken und seine schwarze Kleidung erinnert er an Richard, obwohl er viel jünger als dieser ist. Er packt Sophie unsanft am Arm.)
    MERLIN: Genug . Eingewöhnt habt ihr euch, wie man sieht. Nun geht es an die Arbeit. Ich habe dir nicht gestattet, Sophie, .daß du dein Rauhtierkleid ausziehst. Denkst du denn, du könntest dich so einfach wie eine Schlange häuten, um dich zu verjüngen? Vergiß nicht: du bist die Wintererde. (Er setzt ihr gewaltsam Maske und Perücke auf und zieht ihr das Rauh-tierkleid an.Sie wehrt sich etwas, aber nur wenig.) Und es ist Wolfszeit. Die schwarzen Jahre vor der Götterdämmerung haben begonnen. Die Jahre von Kali -Juga, wie das auf indisch heißt. Die Frühlinge, die jetzt noch kommen, haben keine Kraft mehr. (Er umarmt Sophie. Richmond kehrt zurück und sieht sich verwundert um. )
    RICHMOND: So etwas! Die proben jetzt noch das Weihnachtsmärchen!
    RICHARD: (sieht sich um.) Nein. Das sind fremde Leute. Was suchen sie hier? (Wendet sich an die Schauspieler.) Was machen Sie da mit unseren Sachen? Das ist das Bühnenbild vom Weihnachtsmärchen, das ich nicht wollte, obwohl ich hier Schauspieldirektor bin. Das mir der Intendant gewaltsam aufgezwungen hat, samt seiner am wahrsten Sinne des Wortes dämli-chen Regisseurin. Wenn da die Kulissen kaputt gehen, wird das mir angerechnet. Und dann bin ich Direktor gewesen. Bitte räumen Sie alles zurück und verlassen Sie dann unser Haus!
    SOPHIE: Der Schneesturm hat noch nicht aufgehört.
    RICHARD: Da drüben, gleich neben dem Jahrmarkt, gibt es eine schön vergammelte Kneipe.
    SOPHIE: Das Zelt wird naß...
    MERLIN: Entschuldige dich nicht, Sophie. Wir haben keinen Grund dazu. (Zu Richard) Was kann es dir anhaben, daß du bald kein Direktor mehr sein wirst? Du bist doch viel mehr. Ein König. Und noch dazu ein hinkender König, also aus ältestem und edelstem Geschlecht. Was stört es dich, daß wir dir Ehre erweisen?
    RICHMOND: Laß das Theater
    MERLIN: Wie soll ich es lassen, wenn sich die ganze Erde mehr und mehr in eine gewaltige Bühne verwandelt? Hör den Schneesturm da draußen - bläst er nicht viel künstlicher als unsre zu naturgetreuen Theatermaschinen? Und die Straßenlichter flackern, als zitterten sie vom Nachhall uralter Trompeten aus dem untersten Fundus der Geschichte, die zu den neusten Kriegsspielen rufen? Und irgendwo in fernen Städten schlagen sich die Roten und die Brau-nen, als würden sie sich umarmen, und manchmal entsteht aus ihrer Umarmung ein rotgolde-nes Leuchten, das erst enthüllt, wie schwarz die Zukunft vor uns liegt? Und die letzten linken Terroristen lernen die Gesetze der indischen Kasten, und Bands mit lateinischem Namen spie-len die neue Folklore, und du willst nichts als nur Direktor sein?
    RICHARD: Was soll ich denn? Mit Ihnen durch über die Jahrmärkte ziehn?
    MERLIN: Wenn wir zusammen ausziehn, sind wir stärker. Wenn wir gegen den Feind mit einem König wie dich ziehn, können wir ihn besser schlagen. Wenn wir in die Hauptstadt des Neuen Reichs ziehn, wird es auch dein Triumph sein.
    RICHMOND: König, Reich, Triumph...Leben Sie denn nicht im 20. Jahrhundert?
    MERLIN: Wie man es nimmt. Das Jahr 2000 geht gerade zu Ende, und die einen rechnen es noch dem alten, die anderen dem neuen Jahrtausend zu. Doch in ein paar Wochen ist Silve-ster, und dann, so leid es mir tut, lebst auch du in jedem Fall im 21. Jahrhundert. Denkst du denn, die Zeit stünde still, um auf alle zu warten, die mit ihrem Tempo nicht mitkommen kön-nen? Und glaubst du denn, das Neue würde dem Alten gleichen wie ein Zwilling dem andern? Kennst du ein Jahrhundert, das das vergangene nachahmt? Ist es nicht ein altes Gesetz, daß sich die Kinder mit den Großeltern verbünden, um die Eltern zu schlagen?
    ANNA: Sei nicht so unwirsch zu unsren Gästen, Richard! Wäre das nicht wunderbar, wenn unser neues Jahrhundert bald ganz anders aussehen würde als das vergangene? Dann hätten wir bald wieder richtiges Theater wie in meinen Träumen. Mit Schlössern wie aus alten Stein-baukästen und einem aufgemalten Meer, das schöner schimmert als jedes echte.
    RICHARD: Dann geh doch zum Musical, Anna. Da gibt es all diese schönen Dinge schon jetzt, und dazu noch kann man dort viel besser weinen als bei uns, wenn sich die Liebenden nicht kriegen. (Wendet sich an Merlin) Auch für Ihresgleichen wäre das der passende Ort. (In der Zwischenzeit haben die Schauspieler die Beleuchtung für sich entdeckt und proben ver-schiedene Formen des irrealen Lichts aus. Als Ruine und Winterwald besonders magisch leuchten, fangen einige Instrumente wieder zu spielen an, daraus kristallisiert sich ein Lied heraus, das Sophie singt:
    SOPHIE: Im Rußdunst erzittert der junge Klee,
    es naht sich, es naht sich der Junischnee.
    im Hunger nach Heuwind die Hochhäuser schrein,
    der Berg wächst ins Dunkel und läßt sie allein.
    So schlafe, mein Kind, still das Bergwerk nun liegt,
    die Linde am Bahndamm im Winde sich wiegt,
    In Tannenwaldschluchten, beim bleiernen Teich,
    da irren die Lastwagen, Glühwürmern gleich.
    Die Toten, sie weinen im Heu und im Klee,
    es rieselt, es rieselt der Junischnee.
    Die Lastwagen sinken im schimmernden Tann,
    im Keller, da gehen die Lichter an.
    (Alle hören zu, selbst Richard ist nicht unbeeindruckt.)
    MERLIN: Du hast nicht unrecht. Wir lieben die Musik. Wir lieben auch die großen Gesten und die prächtigen Kulissen, wenn wir sie endlich als Beute genommen haben. Doch Musicals sind Sache derYankees, die leider keine Könige kennen. Du aber bis aus einem alten Herr-schergeschlecht. Glaube mir, ich habe alles, alles von dir gesehen. Und immer haben deine königlichen Regungen mich so zur Weißglut gebracht, daß ich die höchste Lust empfinden konnte. Mit was für einer Grandezza hast du doch die dumpfen Träume und Sehnsüchte zer-treten, die aus dem Zuschauerraum auf dich zugekrochen kamen! Auch die Träume von Leu-ten wie mir! So hast du wohl schon als kleiner Junge jeden Käfer, jeden Wurm mit deinen Stiefeln zerquetscht. Und auch die Frösche hast du wohl in jener Zeit genau so sauber und sicher seziert, wie du später die Liebe vom Sex trennen konntest. Da zeigte sich schon früh das königliche Geblüt...
    RICHARD: Geblüt! (Geste des Ausspuckens) Warum habe ich denn das Theater von allem Jahrmarktsgold und allem Zirkusflitter gereinigt? Um solche Wörter nicht mehr aussprechen zu müssen.
    ANNA: Jahrmarkt...Zirkus...Wie lange ist es her, daß ich bei solchen Worten eine Sehnsucht bekam, als würde mir ein Messer im Leib herumgedreht. Ach wie viele hundert Jahre ist das schon her? Und die Leute sagen, ich sei jung...Jahrmarkt und Zirkus, das klingt nach meiner grauen, grauen Vorzeit, als die Eltern noch Blumenkinder-Kleider trugen,.. Da sprachen alle Schnörkel auf den Möbeln und den Spiegeln mit den wildwuchernden Pflanzen und den mor-genländischen Decken und Kissen eine Sprache, die nur ich verstand. Sie sprachen zwar wie die Fische in den Ruinen eines bis zum Meeresgrund versunkenen Reichs, doch sprachen sie wenigstens mit mir und die Eltern sprachen nur über mich hinweg. Doch dann wurden mir die Dinge weggenommen, und nur Glas und Stahl und schwarze und weiße Sachen standen rings um mich herum und sagten nichts mehr. Und ich mußte es leiden. Und dann ging ich zum Theater, weil ich glaubte, daß es da so ähnlich wie auf dem Traumjahrmarkt ist, den mir die Dinge zu Hause in uralten Zeiten einmal versprochen hatten. Doch auch das Theater, von dem ich in meiner Kinderzeit träumte, wurde mir weggenommen. Und wieder mußte ich es leiden.
    RICHARD: Was du irgendwann einmal leiden mußtest, liebe Anna, ist mir ganz egal. Ein-dringlinge sind in mein Haus gekommen. Und darunter leide ich. Hier und jetzt.
    RICHMOND: Ich auch. Mit dir ist es wirklich nicht auszuhalten, Anna. Immer willst du etwas Besonderes sein. Dabei hast du nur Wünsche, die die meisten Leute haben. Doch die meisten Leute sind vernünftiger als du, weil sie wissen, daß man sich mit solchen Wünschen blamiert. Das ist ja das Vertrackte an der Lust, das es zwei Arten von ihr gibt. Es gibt die Lust, beim Sonnenuntergang zu träumen und die Lust, sich in der prallen Sonne zu bräunen. Es gibt die Lust, Gedichte zu lesen und die Lust, mit dem Motorrad zu rasen. Es gibt die Lust, einen ein-zigen Menschen zu lieben und die Lust am Bäumchen- wechsel - dich -Spiel. Welche Art von Lust ist nun größer? Niemand weiß das genau. Nur hat die erste Sorte Lust den Nachteil, daß jeder, der nicht genug von ihr bekommen kann, über kurz oder lang ausgelacht wird. Und wenn man sich lächerlich fühlt und nicht mehr unter die Leute traut, dann hört die Lust im allgemeinen auf. Deshalb war diese Art von Lust auch früher weit mehr verbreitet. Denn da-mals gab es viel mehr Menschengruppen, die man grundsätzlich nicht ernst nahm, wie zum Beispiel Künstler oder das niedere Volk oder das ganze weibliche Geschlecht. Denen machte es kaum etwas aus, wenn man über sie lachte, weil das ohnehin ihr Alltag war. Doch heute wollen alle Menschen ernst genommen werden, und das begrenzt die Möglichkeit der Lust. (Wendet sich Merlin zu) Deswegen werden Leute wie Sie auch nie auf großen Bühnen auftre-ten können. Denn die Bühnenbilder und die Kostüme, die Sie sich ausgesucht haben, sind ganz nach dem Geschmack jener Zeit, als man die meisten Menschen noch nicht ernst nahm, besonders nicht die Komödianten.
    MERLIN: Daß wir mit unsrem Spiel zur Zeit noch keine Ehre einlegen können, weiß ich wohl. Wir sitzen knietief in der Schande.
    RICHMOND: Schande...So ein Pathos!
    MERLIN:Das ist mir klar. Ich bin pathetisch. Doch Pathos kommt von dem griechischen Wort für Leiden - hast du das nicht in der Schauspielschule gelernt? Und das Leiden drückt den Menschen im allgemeinen so zu Boden, daß er seine Wut nicht mehr in der Luft verpuf-fen kann. Und so wird er gezwungen, sie zu sammeln, muß sie in seinem Keller aufbewahren, ein ganzes Kohlenlager voll Wut. Doch einmal kommt der Tag, wenn sich die Wut der ande-ren in der Luft aufgelöst hat, wenn ihre Energievorräte am Ende sind. Dann greifen wir auf unsere Kohlenlager zurück und werden siegen.
    RICHMOND: Siegen...
    MERLIN: Ich weiß. So ein Wort kommt dir nicht leicht von den Lippen. Deine ganze Angst vor der Schande zittert da mit.
    RICHMOND: Angst vor der Schande! Das hat doch ein Mensch von heute nicht mehr.
    MERLIN: Gewiß nicht. Und warum nicht? Aus Angst vor der Schande. Denn es ist heute eine Schande, ein Wort wie Schande in den Mund zu nehmen. Deshalb können wir schon nicht mehr richtig sprechen.
    ANNA: (sieht zum Fenster heraus) Jetzt schneit es so schön. Es stürmt noch immer, aber ein klein wenig sanfter.
    RICHARD: Anna! Komm. (Sie hört nicht auf ihn, er wendet sich an Merlin.) Wenn der Sturm nachläßt, können Sie ja gehen.
    MERLIN: Gehen? Vielleicht. Dann wird dir jedoch so manches entgangen sein. Durch uns hat Ihre Bühne neue Ein -und Ausgänge bekommen (die Beleuchtung richtet sich auf die Tü-ren und Tore der Ruine im Winterwald) und du bist nicht neugierig, was da erscheint? (Die Bären und das Kamel erscheinen wieder in ihren Kostümen, verschwinden in diesen Eingän-gen und kommen erneut heraus. Ihnen folgt Sophie, die ihr Allerleihrauh-Kleid abgelegt hat und in besonderer Beleuchtung erstrahlt. Merlin drängt sie mit einer ungeduldigen Geste zu-rück, und sie verschwinden wieder.) Ahnst du, daß dir das vielleicht gefallen wird? (Richard will ihm widersprechen.) Nein, du brauchst mir nichts zu sagen, denn ich weiß schon, worauf du hinauswillst. Das, was wir machen, kotzt dich natürlich an. Es ist für dich so widerwärtig, daß du nur die dümmsten Worte dafür findest. Zertreten, zerquetschen, zermatschen würdest du unser ganzes Theater und seine Akteure dazu, wenn du die Kraft dazu hättest. Nein, du brauchst mir wirklich nichts zu sagen. Wozu mir mit Worten deine Schauspielkünste zeigen, wenn du am liebsten die Waffe ziehen würdest? Gerade darum gefällst du mir.
    RICHARD: Gegen Märchenkomödianten die Waffe ziehen!
    MERLIN: Was hast du denn dein Leben lang anderes gemacht? Kinderträume zerdrückt, Sehnsüchte zerprügelt, Hoffnungen niedergetrampelt - das war deine Arbeit, dafür wurdest du bezahlt.
    RICHARD: Willst du sagen, daß ich alles nur für Geld gemacht hätte?
    1.SCHAUSPIELER: Gibt es in diesem öden Haus nichts zu trinken?
    MERLIN: (bringt mit einer entschiedenen Geste den 1. Schauspieler zum Schweigen.) Daß du auf diese Weise dein Geld gern verdienst, ist mir klar. Denn die Kinderträume vom Theater müssen in dir besonders üppig wuchern. Sonst würdest du sie nicht so lustvoll niederhauen. Wir töten doch nur das gern, was wir lieben.(Er umarmt Sophie)
    RICHARD: Kinderträume...Gab es sie überhaupt bei mir? (Währenddessen geht Anna, unbe-merkt zu Sophie, beide tuscheln etwa. Anna verläßt, ebenso unbemerkt, mit einer Gruppe von Schauspielern die Bühne) Theater, Weihnachtsmärchen - das war doch nur etwas für Mäd-chen. Was wollen Sie von mir hören? Daß ich mich als kleine Junge manchmal wirklich wie ein Mädchen gefühlt habe, wenn man mich in das Theater mitnahm, wirklich wie ein Mäd-chen fühlte? Daß ich von vielem auf der Bühne immer wieder träumen mußte? Vom viel zu roten Sonnenuntergang vor dem viel zu spitzen Schloß? Von der schwarzen Prinzessin mit ihrem noch schwärzeren Schatten, der die Hälfte der viel zu weißen Wand ausfüllte? Und dann von der gleichen Prinzessin in einem noch weißeren Kleid, still und traurig auf den Dra-chen wartend, der sie bald frißt? Ach, warum war ich so enttäuscht, als dann der Drache sie nicht fressen konnte, weil er nicht stark genug war, sich gegen den tristen Prinzen zu wehren? Gut. Manchmal träumte ich auch von dererlei, und Lust und Schrecken rissen mich wie Rum-pelstilzchen mitten entzwei . Doch was soll ich Ihnen, gerade Ihnen davon erzählen?
    MERLIN:Schau an, jetzt wirst du rot. Rot wie ein Pennäler aus dem 19. Jahrhundert, der den Namen seiner Angebeteten von einem Fremden hören muß. Und diese Prinzessinnen - waren das nicht Ihre ersten Angebeteten? Die Sie vor lauter Liebe töten wollten?
    RICHARD: Habe ich denn das alte Theater getötet? Stank es nicht schon, als ich zum ersten Mal auf seiner Bühne stand? Und was blieb mir anderes übrig, als die Leiche beiseite zu schaffen, damit endlich, endlich einmal frische Luft in diesen Raum kommt?
    MERLIN: Mach dich nicht kleiner, als du wirklich bist. Du wolltest doch schon immer viel, viel mehr als nur ein pflichtbewußter Totengräber sein. Was für Leichen sind das denn, die du auf der Bühne Tag für Tag aufs Neue begräbst? Die alten stinken schon nicht mehr, sie sind zu weißen, reinen Gerippen geworden. Doch da ist eine Leiche, mit der du nicht so leicht fer-tig wirst. Sie liegt in deinem eigenen Keller und erscheint dir stets von neuem - nein, nicht nur als Gespenst, sondern als Wiedergänger, als Vampir mit frischem Fleisch und Blut, und du mußt ihn stets von neuem quälen, ihn durch und durch pfählen, daß er wieder stirbt, wenn auch für kurze Zeit. Und dieser Wiedergänger - das bist du selbst mit deiner Lust an all den Klängen und Farben des alten, uralten Theaters, die nicht gering sein muß, nach allem, was man von dir sieht.
    RICHARD: Du mieser mickriger Schmierenkomödiant!
    MERLIN: So kannst du mich meinetwegen nennen. Doch das hilft dir nicht aus deiner Pat-sche heraus. Warum hast du denn das alte Theater so sehr verachtet? Weil du wolltest, daß die Kunst ganz und gar ins Leben übergeht. Doch das ist dir auch deshalb nicht gelungen, weil du nie gewagt hast, mit den wahrhaft Starken zu kämpfen. Nur die harmlosen Träumer, die sanf-ten Taugenichtse, die lachhaft bunten Komödianten hast du geprügelt und in die Flucht gejagt. Und nicht einmal die hast du besiegt. Warum haben denn die Blumenkinder bunte Kleider angezogen und ihre Häuser lila und türkis bemalt und mit Requisiten aus alten, fernen Zeiten vollgestopft? Weil sie aus der Bühne vertrieben wurden und im Leben Zuflucht suchten. Und daß du und deinesgleichen sie auch aus dem Leben vertrieben haben, ist euch gar nicht be-kommen. Denn wir sind unter die Erde vor euch geflohen, sind zu Grufties geworden und haben uns in unsren Grüften mit all dem Gift vollgesogen, das ihr in die Erde hineingeschüttet habt. Jetzt haben wir endlich, endlich Waffen. Denn wenn wir euch all das Gift ins Gesicht spucken werden, dann gnade euch Gott! Komm zu uns! Du bist ein Kämpfer und kannst dich mit den billigen Theatersiegen nicht begnügen! Du sollst doch unser König sein! Doch wenn du nicht kämpfen willst, dann werde ich dich dazu zwingen und dich besiegen und an deiner Stelle herrschen..
    RICHARD: Daß ich kämpfen kann, will ich Ihnen auf der Stelle beweisen. Verlassen Sie so-fort mein Haus! (Der Schneesturm wird immer stärker, das Fenster schlägt auf und zu, dann geht das Licht völlig aus. Mondlicht scheint kurze Zeit durch den Fensterspalt und verschwin-det, dann ist alles dunkel.Unruhe unter den hereingeschneiten Schauspielern, einige improvi-sieren mit ihren Instrumenten)
    RICHARD: Anna! Der Notstromschalter! Du weißt, wo er ist! Anna! Anna! Hörst du mich nicht! An -na!
    MARGARETA: Ich weiß es auch. (Das Licht geht wieder an, es erscheint aber sehr gedämpft. Dadurch wird die Kulisse verfremdet.)
    RICHARD: Wo ist Anna? (Eine ferne Marschmusik ertönt, und Anna betritt mit einem alter-tümlichen Lampion die Bühne, gefolgt von den Schauspielern, die mit ihr zusammen die Büh-ne verlassen haben. Einige tragen ähnliche Lampions, alle bringen Weinflaschen und Gläser mit. Sie breiten Decken aus, lassen sich auf der Bühne nieder und singen folgendes Lied aus den „Carmina Burana“, nicht in der Fassung von Orff, sondern in einer anderen, noch fremd-artigeren:
    In taberna quando sumus,
    non curamus, quid sit humus,
    sed ad ludum properamus,
    cui semper insudamus.
    Quid agatur in taberna,
    ubi nummus est pincerna,
    hoc est opus, ut queratur,
    sed quid loquar, audiatur.
    Quidam ludunt, quidam bibunt,
    quidam indiscrete vivunt;
    sed in ludo qui morantur,
    ex his quidam denudantur,
    quidam ibi vestiuntur,
    quidam saccis induuntur.
    Ibi nullus timet mortem,
    sed pro Baccho mittunt sortem.
    Primo pro nummata vini,
    ex hac bibunt libertini,
    semel bibunt pro captivis,
    post hec binbunt ter pro vivis,
    quater pro Christianis cunctis,
    quinquies pro fidelibus defunctis,
    sexies pro sororibus vanis,
    septies pro militibus silvanis.
    Octies pro fratribus perversis,
    novies pro monachis dispersis,
    decies pro navigantibus,
    undecies pro discordantibus,
    duodecies pro penitentibus,
    tredecies pro iter agentibus.
    Tam pro papa quam pro rege
    bibunt omnes sine lege.
    Bibit hera, bibit herus,
    bibit miles, bibit clerus,
    bibit ille, bibit illa,
    bibit servus cum ancilla,
    bibit velox, bibit piger,
    bibit albus, bibit niger,
    bibit constans, bibit vagus,
    bibit rudis, bibit magus.
    Bibit pauper et egrotus,
    bibit exul et ignotus,
    bibit puer, bibit canus,
    bibit presul et decanus,
    bibit soror, bibit frater,
    bibit anus, bibit mater,
    bibit ista, bibit ille,
    bibunt centum, bibunt mille.
    Parum centum sex nummate
    so durant, ubi immoderate
    bibunt omnes sine meta,
    quamvis bibant mente leta.
    Sic nos rodunt omnes gentes
    et sic erimus egentes.
    Qui nos rodunt, confundantur
    et cum iustis non scribantur.
    (Einige Schauspieler verlassen den Raum, die anderen trinken weiter.)
    RICHARD: Anna! Woher haben diese Leute die Flaschen bekommen?
    ANNA: Ich habe den Schlüssel zur Kantine.
    RICHARD: Sollen wir das alles bezahlen?
    ANNA: Wer denkt denn jetzt an Geld! Morgen sind wir doch über alle Berge! Und ihr kommt mit! Da werden wir ein ganz, ganz anderes Theater spielen, als wir es kennen. Kommt! Der Wein ist gut! (Langsam nähert sich Richmond der Gruppe, läßt sich nieder und trinkt Wein mit den anderen. Nach einigem Zögern folgen ihnen Richard und Margareta. Die 1. Schau-spielerin tritt im grünen, an Unterwasserlandschaften erinnernden Kleid in den Vordergrund und singt:
    1. SCHAUSPIELERIN:
    Du Kröte, du Kröte, es droht dir der Tod,
    dein Krönlein, es starret so golden, so rot,
    im Nesselwald schimmert der Boden voll Schleim,
    mein König, jetzt findest du nimmermehr heim.
    Die beinerne Flöte im Nesselwald tönt,
    mit feinweißen Knöchlein, da wirst du gekrönt,
    es starren die Nattern im schleimigen Laub,
    mit Kröten und Ottern zerfällst du zu Staub.
    10:27 am
    2.SCHAUSPIELERIN: Seid ruhig! Ich will euch ein Märchen erzählen. Da
    war ein kleines Kind, das spielte Tag für Tag im Hof, und eine Unke
    mit einem Karfunkelstein auf der Stirn spielte mit, und die Mutter
    stellte jeden Nachmittag ein irden Schälchen mit Milch und feinen
    weißen Brocken für das Kind heraus, und das Kind gab der Unke von
    seiner Speise, als Dank dafür schenkte das gute Tier dem Kind fein
    gülden Spielwerk, allerlei zierliche Becherlein und Tellerlein, eine
    kleinwinzige Karosse, einen zarten Drachen mit Feuerzungen und einem
    geschwungenen Schweif, und einen Schlüssel zu einem fernen Schloß.
    Doch die Unke trank immer nur die Milch und verschmähte die Brocken,
    da schlug das Kind gar sanft mit seinem Löffelein dem Tier auf den
    Kopf und sagte „Ding, iß auch Brocken!“ Das sah die Mutter und ihr
    deuchte, das Kindlein schlüge nach der Unke, und sie nahm ein
    Holzscheit und erschlug das gute Tier.Da wurden die roten Wangen des
    Kindleins bleicher und bleicher, und es siechte dahin, und bald schon
    schrie der Totenvogel eine ganze Nacht, Rotkehlchen sammelte Blätter
    zum Totenkranz, und das Kind lag auf der Bahre.
    (Die Schauspieler, die vor kurzem die Bühne verlassen hatten, kehren in Masken und Kostü-men von Kröten, Fröschen, Ottern oder Unken zurück. Sie tragen auf einer Bahre die Puppe einer gekrönten Unke. Ein Trauermarsch ertönt. Sophie in ihrem Rauhtierkleid erscheint und schwingt eine Doppelaxt. Dann schlägt sie mit dieser Axt auf die Amphibien, die reglos am Boden liegen bleiben. Die anderen Schauspieler drängen sich angstvoll zusammen, Sophie schwingt die Axt gegen sie, währenddessen schneit es. Da tritt Merlin an Sophie heran, nimmt ihr die Axt ab und schlägt auf Sophie ein, die zu Boden sinkt und dort liegen bleibt. Merlin nimmt der Liegenden die Maske ab und heftet sie auf seine Sonnenstandarte, so daß sie zu-gleich als Gesicht der Sonne und als Medusenhaupt erscheint. Dann ergreift er Annas Arm.)
    MERLIN: Anna. Komm, tanz mit mir. Vergiß nicht, du bist Witwe. Und Witwen tanzen im-mer, selbst wenn man es nicht sieht. Das ist ein Überbleibsel der alten Zeiten, als die Frauen noch Königinnen waren. (Anna wehrt sich nicht, die Schauspieler spielen einen schnellen Tanz, und Merlin bewegt sich im Rhythmus dieses Tanzes mit kunstvoll hinkenden Schritten. Anna beginnt erst zögernd zu tanzen, entwickelt dann aber eine überraschende Kraft im Tanz. Es scheint, als ob ihr Tanz Merlin zum Hinken zwingen würde. Zugleich ist dieser Tanz ein kunstvoller Slalom zwischen den liegenden Amphibien und der liegenden Sophie. )
    RICHARD: Anna! (Er reißt Anna aus dem Tanz heraus, während Merlin unbeirrt weiter tanzt. Aber Anna reißt sich los und setzt den Tanz fort. Richard versucht, Merlin am Tanzen zu hindern.)
    RICHARD: Verlassen Sie alle das Haus. Oder ich rufe die Polizei. (Mit einem Schlag ver-stummt die Musik. Die Amphibien stehen auf und werfen ihre Masken ab. Sophie steht eben-falls auf und zeigt sich wieder in ihrem Sternenkleid.)
    MERLIN: Die Telefonleitungen sind gekappt. (Er zieht eine Pistole und richtet sie auf Ri-chard. Zwei Schauspieler ziehen ebenfalls die Pistole und halten damit Richmond und Marga-reta in Schach. Anna klammert sich an Richard. Plötzlich hört man ein Rascheln, Schatten schwirren oben auf der Wand, Sophie schreit auf.)
    SOPHIE: Drei Fledermäuse! (In Schreckreaktionen lockert sich der Kreis ein wenig.)
    MERLIN: Drei? Wirklich drei?
    SOPHIE: Ja! Ja! Ja! (Wie auf Kommando verlassen alle fluchtartig den Raum und lassen da-bei in der Eile einige Requisiten liegen. Richard, Margareta, Richmond und Anna bleiben eine Zeitlang so starr stehen, als würden sie noch von dem Kreis umschlossen. Dann löst sich Anna aus der Gruppe und beginnt einen somnambulen Tanz. Darauf erstarrt sie wieder.)
    ANNA: Nicht wahr, ihr habt doch alle nichts gesehen. Das war doch nur ein Traum von mir!
    RICHARD (hebt eine von den Besuchern liegen gelassene Mondstandarte auf und klatscht sie der zusammenzuckenden Anna ins Gesicht) : Das nennst du Traum? ( Richmond findet den Bärenkopf und setzt ihn sich auf.)
    RICHMOND: Huuuh! (Er wirft den Bärenkopf auf den Boden und lacht) Und wegen drei Fledermäusen sind sie abgehauen! Wegen drei Fledermäusen, die es vielleicht gar nicht gibt! (Währenddessen hebt Anna in Gedanken eine Amphibienmaske auf, hält sie vor ihr Gesicht , legt sie wieder hin, hebt sie von neuem auf , legt sie noch einmal hin usw. Auch Richard stö-bert in den Requisiten. Nur Margareta steht so starr, als sei die Pistole noch immer auf sie gerichtet. Plötzlich zieht Richard den Bärenkopf an und beginnt einen ganz besonders intensi-ven Hinketanz. Als sich dieser Tanz beschleunigt, kommt Anna hinzu und tanzt mit, wobei sie mehr und mehr dominiert. Auf den Höhepunkt des Tanzes nimmt sie Richard den Bärenkopf ab und wirft ihn auf den Boden.
    ANNA: Jetzt bist du doch ein König.
    RICHARD: Ja. Jeder Zoll ein König. Weißt du mein Kind, was das bedeutet? (Er packt Anna am Arm und zieht sie mit sich fort. Kurze Zeit später erscheint er mit der sich duckenden An-na auf dem Balkon des Weihanchtsmärchenschlosses.)
    RICHARD: Siehst du, Anna. Nun liegt alles unter uns. Die Bühne und die ganze Stadt mit allen ihren Taxifahrern und Inspektoren und Mäusen und Intendanten und Hunden und Souf-fleuten und Clochards und Beleuchtern und Magistratsmitgliedern und Fliegen und Professo-ren...Das liegt alles unter uns, so weit weg, und wenn ich in das alles eine Bombe werfe, dann ist das so, als ob ich einen Knallfrosch auf die Straße werfen würde...Übrigens verkauft man heute eine Leinwand, auf der ein Knallfrosch seine Spuren hinterlassen hat, als Kunst. Kunst... (Mit einer Geste des Ausspuckens verläßt er den Balkon, Anna folgt ihm nach. .)
    RICHARD (wieder unten): Nichts als Kunst...Leider bin noch nicht so tief gesunken, daß ich danach nur noch steigen kann. Gut, ich kann ein wenig hinken, doch das habe ich ja in der Schauspielschule gelernt. Was wäre aber, wenn ich wirklich alles liegen ließe und diesen Ein-dringlingen folgte? (Hebt den Bärenkopf hoch) Wenn ich auf den Straßen in diesem Aufzug tanzte und alle Leute lachten über mich? Wird dann meine Wut so stark, daß ich mit ihr zu-sammen über mich hinaus wachsen kann?
    ANNA: Wirst du dann eine wirkliche Bombe werfen?
    RICHARD: Willst du mir folgen, wohin ich auch immer gehe, Anna?
    ANNA: Das weißt du doch. (Rüttelt die noch immer starre Margareta) Margareta! Sag doch was!
    MARGARETA: Hast du von Bomben gesprochen? (Sie fällt wieder in ihre Starre zurück)
    RICHARD: Du hast Angst, Anna? Leugne sie nicht.. Du stellst doch deinen Körper Tag für Tag zur Schau, genau wie ich, du weißt, was es heißt, den fremden Blicken ausgesetzt zu sein. Wir auf der Bühne sind nackt, auch in den dicksten Kostümen, und sie sind alle angezogen und können vom warmen Nest aus zuschaun, wie wir uns stets von neuem Blößen geben müs-sen. Doch einmal wird die nackte Angst sie packen, die Angst vor uns, dann sind wir es, vor denen sie sich entblößen müssen. Kommst du, Liebste? (Er legt den Arm um Anna. Im glei-chen Augenblick hört man Rascheln und Schritte. Drei Leute aus der Gruppe von Merlin ho-len eilig einen Standarte und ein paar Amphibienmasken und verschwinden dann genau so schnell wie sie gekommen sind. Die vier Schauspieler zucken zusammen und rücken einander näher.)
    RICHARD (reißt sich aus der Gruppe los): Sie müssen ganz nah sein. Wir werden sie finden. (Er zuckt zusammen.)
    ANNA (läuft zum Fenster): Der Schneesturm ist wieder losgegangen.
    RICHMOND: O Mann! Und wir sind immer noch hier. Wir müssen fort, bevor die Irren wie-derkommen und müssen das Haus fest verschließen. Und wenn sie dann wieder kommen und ihre Sachen holen wollen, geht das nicht mehr. Haha. Da drüben, gleich neben dem Jahrmarkt, gibt es eine so schön vergammelte Kneipe, fast wie eine Szenelokal aus den siebziger Jahren. Wenn wir uns dort ein wenig aufgewärmt haben, rufen wir ganz gemütlich die Polizei an. Wenn die dann kommt, dann findet sie viele Indizien, die Gold wert sind. Mit echten Finger-abdrücken.
    ANNA : Müssen diese Tänzer dann alle in den Knast?
    RICHMOND: Natürlich. Sie haben ja unsre Telefone gekappt. Die Staatstheatertelefone.
    ( Plötzlich eilt Sophie auf die Bühne, im Allerleihrauhmantel mit zerzausten Haaren. Sie sucht verwirrt in allem Möglichen herum, dann findet sie ihre Krone, packt sie und eilt wieder zum Ausgang. Auf der Schwelle dreht sie sich wieder um, geht zu Anna und setzt ihr die Krone auf den Kopf. Anna wehrt sich nicht..)
    SOPHIE: Das steht dir! Du bist dafür wie geboren! Jetzt müssen wir noch Margareta krönen. (Sie versucht, Margareta die Krone aufzusetzen. Margareta wehrt sie, weiterhin schweigend, mit einer heftigen Geste ab und fällt dann in ihre alte Erstarrung zurück. )
    SOPHIE: Margareta! Wir brauchen dich doch! Es muß drei Königinnen geben: die erste weiß wie Schnee, die zweite rot wie Blut, die dritte schwarz wie Ebenholz! (Sie zuckt zusammen, als hätte sie etwas vergessen, nimmt die Krone und verläßt sehr eilig den Raum)
    ANNA: Und sie muß auch ins Gefängnis...(In einem plötzlichen Entschluß läuft sie hinter die Bühne und ruft von dort nach einer Weile : )
    ANNA: Das Telefon geht! (Sie kommt wieder) Alles war bloß Theater! Sie haben sich nur aufgewärmt. Einen Teufel wird das die Polzei interessieren.
    RICHARD: Gut. Räumen wir die Kulissen ab. Sonst gibt es Scherereien.
    ANNA: Laß sie noch einen Augenblick stehen. Noch fünf Minuten... (Da betritt Merlin wieder die Bühne. Er sucht konzentriert etwas auf dem Boden, dann hebt er eine Pistole auf, schlenkert sie mehrmals und setzt sich dann auf Richards Regiestuhl.)
    MERLIN: Entschuldigt. Ich hatte nur mein Requisit vergessen. Ach, wie bin ich durchgefroren. Kinder, habt ihr keinen Kaffee? (Anna eilt hinter die Bühne, die anderen bewegen sich nicht.) Entschuldigt bitte, daß wir so dick aufgetragen haben. Wir wollen doch bald auf eine richtige Bühne. Und da müssen wir mindestens genau so gut provozieren können wie ihr. (Anna bringteine Tasse, Milch und Zucker)
    ANNA: Er ist gleich fertig.
    MERLIN (winkt den anderen zu): Kommt, setzt euch, ihr braucht auch etwas, um wach zu werden! (Anna schleppt Stühle und Tassen herbei, Anna und Margareta setzen sich nach einigem Zögern hin.Richard bleibt stehen)
    RICHARD: Anna! (Anna trinkt unbewegt weiter Kaffee)
    MERLIN: Ich kann dich ja verstehen, Richard. Wir haben wirklich etwas dick aufgetragen. Was sollen wir auch machen? Leute wie du erwecken eben bei unsereins Komplexe. Ach, ich hätte ja so gern einmal in deiner Zeit gelebt! Mit einem totenbleichen, siechen Kriegsheimkehrer als Vater, den man trotzdem ohne Strafe malträtieren darf, weil er ein alter Nazi war. Das waren goldene Zeiten, als die Guten alle jung und schön und schlank und mutig waren und die Bösen alle häßlich und verklemmt dazu. Ja, das muß ein Genuß gewesen sein, die Schwachen mit bestem Gewissen zu schlagen. Im allgemeinen ist es doch gerade das Gewissen, das uns schwach macht. Und heutzutage macht es uns noch schwächer, obwohl es längst nicht mehr das alte ist. So jung ist es geworden, das es uns nicht einmal mehr die Lust am Sex verbietet, und gerade darum hat es frische Kraft, uns zum Boden zu drücken. Denn es gibt da ein Verbot, auf das es nicht verzichten kann, sonst wäre es ja kein Gewissen mehr. (Richard setzt sich an den Tisch, Anna gießt ihm Kaffee ein, er trinkt einen Schluck. Während der folgenden Szene betritt ein Mitglied von Richards Truppe nach der anderen die Bühne, hebt eine Maske oder ein anderes Utensil auf, stimmt sein Instrument oder spielt mit ihm. Allmählich kristallisieren sich bestimmte Tonfolgen heraus.Schließlich erscheint Sophie im Sternenkleid, Tanzschritte übend.)
    RICHARD: Was für ein Verbot?
    MERLIN: Nun, das Verbot , die Menschen, über die wir lachen, auch noch zu quälen.
    RICHARD: Was geht es mich denn an, wenn irgend etwas verboten wird, wozu ich nie in meinem Leben Lust gehabt hatte und auch nie, nie haben werde.
    MERLIN: Jetzt müßtest du dich einmal im Spiegel ansehn. Ein echter, rechter Deutscher, der keine Lüge aussprechen kann, ohne an sie selbst zu glauben. Warst du denn ein Einzelkind, das seine ganze Jugend über Privatlehrer hatte und den elterlichen Garten nie verlassen durfte? Warst du denn nie dabei, wenn ihr die andern Kinder gehänselt habt? Natürlich ist das Hänseln ein reichlich seltsamer Vorgang, und ich verstehe gut, daß man sich daran nicht gerade gern erinnert. Warum lachen wir denn die anderen Kinder aus? Weil sie schwach und häßlich oder einfach nur unglücklich sind. Ist das ein Grund zum Lachen? Bei Licht gesehen, doch eher zum Weinen. Doch was kümmert uns das Licht, wenn wir beim Auslachen sind? Kein aufgeklärter Verstand kann uns auch sagen, warum wir als Kinder alle, die wir ausgelacht haben, zugleich aus voller Kraft verprügeln mußten. Das Lachen ist doch im allgemeinen ein fröhlicher Vorgang, der die Menschen gutmütig macht. Warum ist da beim Hänseln alles anders? Kannst du mir das erklären? Oder warst du selbst so ein gehänseltes Kind?
    RICHARD: Sehe ich so aus? Wer hat mich eben noch König genannt?
    MERLIN: Alle Künstler sehen so aus. Kein Wunder. Künstler sind von klein auf ein Kinderspott, empfindlich wie sie sind und verträumt noch dazu, ihr Körper zieht die Hänseleien an wie ein Fliegenfänger die Fliegen. Deswegen sind sie auch so böse wie du und ich.
    RICHARD: Ich verbitte ihnen, weiter Du zu mir zu sagen.
    MERLIN: Wie Sie wünschen. Doch das ändert auch nichts daran, daß Sie noch heute das gleiche tun, was ausgelachte Kinder im allgemeinen machen. Natürlich andere Kinder, die genau so wie sie selbst sind, nach Herzenslust verspotten und verprügeln. Immer auf die Kleinen! Und dabei seid ihr doch angetreten, um Großes zu vollbringen. Ja, ja, die Weltrevolution...Was aber habt ihr wirklich gemacht? Kinderwünsche ausgelacht, um aller Welt zu zeigen, wie erwachsen ihr seid. Dabei wart ihr das so wenig, daß ihr nicht einmal selbständig Geld verdienen konntet, sondern euch vom Vater Staat versorgen lassen mußtet. Kein Wunder: wenn man den ganzen Tag nichts anderes tut als spielen, bleibt man eben ein Kind.
    RICHARD: Und Sie? Sie? Sind Sie mit ihrer Schmiere erwachsener?
    MERLIN: Keineswegs. Wir lieben alles viel zu sehr, was heute nur die kleinen Kinder lieben dürfen. Wir lieben alles, was glänzt, weil es uns an das Gold erinnert. Und dashalb sind wir weit geringer angesehen als die allerkleinsten Leute. Wir sind ein Nichts, und deshalb können wir überall sein. Links und rechts und vorn und hinten. Ein schwarzes Loch, das überall aufklaffen kann. Besonders dann, wenn man an gar nichts Böses denkt. Neulich habe ich im Internet eine russische Geschichte gelesen. Da hat in irgendeinem künftigen Krieg ein Professor der Altphilologie irgendeinen Komißkopf in irgendeinem Keller an die Batterie und liest ihm dann ganz ruhig die Geschichte der punischen Kriege vor. Und wenn dann dem gefesselten Idioten die Tränen kommen, läßt er ganz ruhig Gas in den Raum...
    RICHARD: Bitte gehen Sie.
    MERLIN. Wenn Sie wollen...Aber wollen Sie das wirklich? Ich habe doch gesagt, daß Ihr Körper Hänseleien an sich zieht wie ein Fliegenfänger die Fliegen.Damit habe ich Sie doch bis aufs Blut beleidigt. Und Blut kann nur durch Blut abgewaschen werden, deshalb gab es auch in jenen besseren Zeiten eine Sitte wie das Duell. Bist du wirklich einer von den windelweichen,wurmweichen Leuten von heute, die nicht mehr kämpfen können, sondern sich wie Weiber winden, wenn sie etwas erreichen wollen? Hätten wir dich nicht zu unserem König erwählt, wenn wir nicht wüßten, daß Sie im Grunde ein Aristokrat sind, der auf nichts so wartet wie auf den ersten Kampf.
    RICHARD: Und wenn es wieder Duelle gäbe, wenn die alten Riten wieder in allen Ehren eingesetzt würden, mit Sekundanten und Zylindern und weißen Handschuhn - glauben Sie dann, daß wir mit Ihresgleichen kämpfen würden?
    MERLIN: Nein, das glaube ich nicht. Daß wir nicht satisfaktionsfähig sind, weiß ich am besten. Eure Kreise wollen uns nicht einmal erschießen. Bei dem weltweiten Streit zwischen Helden und Händlern habt ihr euch auf die Seite der letzteren geschlagen und einstweilen mit ihnen gesiegt.Das ist ja das Widerwärtige an einer Welt, in der der Dollar regiert: man kann auch ohne Kriege siegen, selbst wenn man noch so schwach und schlapp ist. Wir aber wollen sie rächen, die verachteten Helden, und deshalb haben wir kein Geld. Deshalb ballt sich unsere Kraft in der letzten Ecke zusammen, in die wir hineingedrängt wurden. Und darum, gerade darum werden wir alle eure Kreise in Geraden verwandeln und sie der Reihe nach an die Wand stellen und dann losdrücken ohne jedes Bedenken...
    RICHMOND: Jetzt reichts! So etwas Deutsches wie euch hab ich schon lang nicht mehr gesehn! Ohne Leichtigkeit, kein bißchen ironisch, ohne jede Spur von Zivilisation! Bierenst! Das kommt davon, wenn man so stur auf die Dollarnote starrt, als säße in ihr der Leibhaftige persönlich. Und alles nur, weil ihr noch immer glaubt, daß uns die Amis die Spaßgesellschaft aufgezwungen haben. Nun, meinetwegen gibt es sie wirklich, diese Spaßgesellschaft. Doch zu jeder jeder Spaßgesellschaft gehört auch eine Ernstgesellschaft, sonst würde man den Spaß gar nicht merken. Und wir Leute vom Regietheater gehören nun einmal zur Ernstgesellschaft, sonst würden wir nicht subventioniert. Wenn wir nur täten, was uns Spaß macht - hätten wir dann eine so strenge Architektur? Ja, das Wörtchen „streng“ hat es in sich...Ist es nicht komisch, daß nur die ewig Gestrigen noch ihre Kinder streng erziehen, doch daß die Kritiker die strengen Künstler mehr als die anderen loben? Denn weil man kleine Kinder noch nicht ernst nehmen kann, gehört ihre Erziehung zur Spaßgesellschaft. Die Kunst dagegen ist etwas Ernstes, sonst würde sie auch nicht als Kapitalanlage gelten Und das, was wir machen, ist
    ebenfalls Kunst, und deshalb müssen wir streng sein. Ja ja, ich weiß, das ist nicht leicht, zumal die Leute immer weniger in unser Theater kommen, doch dafür sind wir auch eine Elite, und die anderen sind bloß die Masse, wenn man so etwas auch heute noch nicht ganz laut sagen darf.
    Doch wir brauchen unsre Ernstgesellschaft schon deshalb, weil wir nur mit ihr die Amis in Schach halten können. Sie wollen nämlich wirklich mit ihrer Spaßgesellschaft alle Welt kolonialisieren, und nur eine Macht hält sie auf, und das sind wir. Ich hab einmal ein Büchlein von einem Ami gelesen, der beschwerte sich über das Bauhaus, weil es so unamerikanisch ist. Es waren ja die Emigranten aus Old Europa, die den Amis die weißen, glatten Hausfassaden aufgedreht hatten. We aber nannte dieser Yankee die Emigranten, die den guten alten USA - Kitsch so mitleidlos zur Seite drückten? Weiße Götter. Uns alte, überkultivierte Europäer nannte er Götter, und das mit einem Ressentiment, das man den Amis im allgemeinen gar nicht zutraut.
    Da wollen diese Amis die ganze Welt mit ihren Waren kolonialisieren, darunter auch uns, und wie haben wir reagiert? Die Waren nicht gekauft? Dann hätten wir wohl heute Hungerbäuche wie die afrikanischen Kinder. Doch wir waren schlau und kauften ihnen genau die Sachen ab, die man nur zum Spaß braucht, und boten ihnen dafür Dinge an, die zum Ernst des Lebens gehören. Und weil der Spaß sich immer besser als der Ernst verkauft, haben diese Trottel in allem Ernst geglaubt, sie hätten uns ausgetrickst, nur weil sie besser verdienen als wir. Dabei kommt von uns das Regietheater und von ihnen nur das Musical, von uns die Haute Couture und von ihnen nur der Freizeitlook, von uns die musikalische Moderne und von ihnen nur der Pop, von uns das Bauhaus und von ihnen nur Las Vegas, von uns die Klasse und von ihnen nur die Masse. Und man nenne mir nur eine Masse, die nicht vor der Klasse in die Knie gegangen wäre! Deshalb stimmt es auch ganz und gar nicht, daß Geld allein die Welt regiert. Wenn das so wäre, sähe unsre schöne Erde wie Disneyland aus. (Während dieser Rede von Richmond unternimmt Merlin diskrete Annäherungsversuche an Anna, die diese nur zu gern erwidert. Er zeigt dabei eine Eleganz des Flirtens, dieAnna offensichtlich lange vermißt hatte. Weder Richard noch Margareta merken etwas davon, weil sie zu sehr in ihre eigenen Gedanken versunken sind. Auch Sophie, die wie im Traum Tanzszenen übt, sieht nicht hin.) Und deshalb ist euer ganzes Schmierentheater für nichts und wieder nichts. Ihr werdet immer auf der Straße den Hut hinhalten - zu mehr bringt ihr es doch nicht. Ihr seid genau so sinnlos wie malende Hausfrauen oder dichternde Pensionäre! Die nehmen auch das ernst, was doch nur Spaß machen soll, wie etwa die Liebe oder die Farben oder alles, was das Leben sonst noch schmückt. Das heißt doch nur, daß sie vom wahren Ernst des Lebens nicht verstehen und deshalb kein Geld verdienen können, sondern immer nur auf Kosten anderer leben. Ja wäret ihr ein Teil der Spaßgesellschaft, dann würdet ihr das Raubtier Amerika füttern, damit es sich nicht auf uns alle stürzt. Und damit würdet ihr etwas ausgesprochen Nützliches tun. Wäret ihr dagegen ein Teil der Ernstgesellschaft, so würdet ihr das Raubtier in Schach halten, und das wäre ebenfalls nützlich. Was aber tut ihr stattdessen? Trödeln. Faulenzen.Von andern Leuten leben, falls ihr nicht von der Sozialhilfe lebt. Und dabei sind in der Altenpflege noch viele Arbeitsplätze frei. Und die ganz, ganz Alten hätten wohl noch Sinn für eure Märchen. Ihr Obertrottel! Merkt ihr nicht, daß wir im Krieg mit Amerika leben? In einem kalten Krieg zwar nur, wo aber auch sehr hart gekämpft wird.Und wir haben in diesem Krieg etwas erreicht, was wir uns nicht durch euresgleichen streitig machen lassen. Stellt euch doch nur die Skyline von New York vor! Da seht ihr doch, was wir gewinnen konnten! Die alten Wolkenkratzer mit ihren so frivol verschnörkelten Dächern treten alle in die zweite Reihe vor den strengen, ernsten World Trade Center - Türmen. Das ist der Geist des alten Europa, der hält wie ein Hirt die Hammelherde von Amis zusammen. Und solange diese Türme stehen, wird sich daran auch nichts ändern, auch nicht durch Trottel wie euch!
    RICHARD: Das weiß ich doch schon längst, du subventionierter Kasperl! Daß sich auf dieser Erde niemals etwas ändern wird, ist mir schon lange klar. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer, die Löwen werden niemals mit den Lämmern spielen, die Blinden werden niemals sehen und die Lahmen nie und nimmer gehen. Und wenn zum Schluß der große Knall kommt, dann haben alle, die schon immer alles besser wußten, noch den Triumph des letzten Wortes (Er entdeckt den Flirt von Anna und Merlin). Anna! Nein, du brauchst nicht zu erschrecken, ich verstehe dich nur zu gut. Du hältst es oben nicht mehr aus und willst nach unten. Nur bist du leider auf die schiefe Ebene geraten. Und da kann man nicht lange bleiben. Entweder rutschst du ab und bist dann bald für immer unten unter der Erde, oder du rangelst dich hoch und bist auf die gleiche gewöhnliche Weise oben wie alle anderen Überlebenden. Ich weiß, was das heißt, ich wollte mir doch auch einmal die Welt ganz von unten ansehn. Von unten...Ach du mein Kind, du kannst ja überhaupt nicht wissen, was diese beiden kleinen Wörtchen in meiner Jugend bedeutet hatten... Alles Gute kam von unten, und deshalb sind wir alle so heruntergekommen. Daher weiß ich aber, meine Liebe: es ist schön, unten zu sein. Man kann sich unsre Erde erst so richtig ansehen, wenn man sich nicht mehr wehren kann. Dann leuchten alle Farben wie nie zuvor, dann stehen ungeahnte Gerüche von den Toten auf, dann verwandelt sich das platte Land in eine Landschaft, aus der du nie mehr herauswillst. Und dann kommt der Augenblick, an dem du absackst. Dann landest du auf vermintem Gelände. Dann fallen die Bomben. Dann hast du den Krieg für immer verloren(Merlin und Anna flirten unbeirrt weiter. Plötzlich entdeckt Sophie das Paar, nimmt einem Trommler die Trommel ab und beginnt, laut und unruhig zu trommeln. )
    MARGARETA: Aufhören! (Sie entreißt Sophie die Trommel und wirft sie auf den Boden. Sophie wehrt sich nicht.) Es tut mir leid. Doch das hat so laut geknallt! Und ich habe immer noch Angst vor lautem Knallen. Dabei habe ich als kleines Kind im Luftschutzkeller so still gesessen, die Erwachsenen hatten mich alle gelobt. Aber dann, als der Frieden kam...Jeder Preßlufthammer, jede Kreissäge, jeder Knallfrosch rüttelte an den Grundfesten unserer Erde, und wenn meine kleine Schwester mit dem schrillenden Wecker hinter mir herlief, bin ich wie ein Hase geflohen...Ja, wie ein Angsthase,ja... Warum erzähle ich das euch? Das alles geht euch doch gar nichts an! Ach, warum haben diese Fremden auch das Schloß hier aufgebaut? Das sieht ja ganz genau so aus wie das verzauberte Schloß aus dem ersten Theater,in das ich je gegangen war. Da war es ganz genau so dunkel wie im Keller, und ringsherum saßen die Leute genau so stumm und bange und warteten auf irgend etwas, und der Atem ging so schwer, aber da tat sich etwas ganz Anderes auf, so unerwartet leuchtende Räume, doch nur in der Ferne, wir hatten ja kein Geld für die vorderen Sitze, doch um uns war es immer noch dunkel, und wir starrten nach vorn und duckten uns doch vor dem, was über uns drohte...Und die Angst und die Lust, sie waren Geschwister und konnten nicht voneinander lassen...Ging ich nicht auch darum zum Theater, um wieder den Keller zu spüren? Haben wir nicht alle in Kellertheatern angefangen? War die Lust am Spiel nicht auch die Lust, wie Wiedergänger jene dunklen Räume wiederzufinden, denen wir nur mit knapper Not entronnen sind? Wohin aber sind wir entronnen? Ach, es will wir scheinen, als wären wir alle in die Luft aufgestiegen, ein paar Meter hoch über die Erde, wir schweben ja alle in unseren weißen, gläsernen Häusern, in die keiner der Gerüche unsrer alten Erde dringt. Und wir fliegen mit ihnen über den Ruinen, die schon lange von wirren Wäldern überwuchert sind, und unten winden sich die Flüsse in immer krauseren Mäandern, und Gelichter irrt umher und scharrt in den Steinen und findet unser altes Spielzeug zwischen Nesseln und vergessenen Rosen. Wie lange ist das her, daß ich mein Spielzeug verloren habe?Hundert Jahre? Tausend? Ach, ich bin alt! Alt! So alt, daß ich es nicht mehr aushalten kann! Doch warum hat es eben so laut geknallt? Schlug die Bombe im Nachbarhaus ein? Bin ich wieder ganz klein? Ja, die Zeit ist nicht nur aus den Fugen, sie ist ein Gummiband geworden, sie dehnt und dehnt sich so, daß sie für immer zu zerspringen droht, und dann schnurrt sie wieder so schnell zusammen. We halten wir es damit aus, so hoch oben? Reißt das Gummiband nicht bald und schleudert uns nach unten? (Sie geht auf Merlin zu und rüttelt ihn.) Ja, ich weiß, du Eindringling, du brauchst dich davor nicht zu fürchten. Du bist immer unten geblieben, du liebst die Erde so sehr, daß du dich gar nicht über sie erheben willst. Von unten... Das sind keine toten Wörter für dich, sondern sehr, sehr lebendige... Und daher weißt du besser als wir alle, wie schlimm es unten ist. Warum sind die Wohnungen im Souterrain so billig? Weil der Schmutz, der von oben kommt, dort kleben bleibt. Deshalb willst du nach oben, wie alle, die so tief unten sind. Doch du willst nur mit der Erde zusammen nach oben steigen. Was aber hilft der Erde nach oben? Einzig und allein die Explosion.
    Ja, du liebst die Erde mehr als alle, die mir je begegnet sind. Auf einen wie dich, da habe ich mein Leben lang gewartet. Ich hatte schon nicht mehr gehofft, daß du einmal vor mir stehst. Und deshalb: geh! Verlaß das Haus für immer und komm nie, nie mehr wieder! Denn du hast mir meine Hoffnung genommen, die Hoffnung, daß auch unten auf der Erde einmal, einmal alles anders wird. Du hast dich mit Schmutz und Schuld bewerfen lassen, wie ein Esel hast du diese Last getragen, damit die andern besser fliegen könnnen - ach, diese deutsche, viel zu deutsche Fügsamkeit! Und genau so fügsam ziehst du jetzt in den Krieg und jagst die Erde in die Luft, damit alles kommt, wie es kommen muß, und niemals, nie ein Wunder geschieht! Damit die Leichen aus unsren Kellern, die du nur galvanisiert hast, auch nie auferstehn! Damit mein altes Theater niemals mehr aufleuchten darf! Damit die Löwen nie und nimmer bei den Lämmern liegen! Ach, ich habe mich ja selbst gefügt, viel zu lange, viel zu lange...Und gerade darum will ich dich hier nicht mehr sehen!
    ANNA: Du hast recht, Margareta. Nur allzu recht. Und doch! (Sie umarmt Merlin.) Wenn er gehen muß, dann gehe ich mit. Wohin er auch will.
    MERLIN (legt lässig den Arm um Anna und sieht dabei Richard an): Nun, Richard? Wagst du den Kampf? Es ist noch eine zweite Pistole da.(Richard, Richmond, Anna und Margareta versuchen, die Fassung zu bewahren, und bringen gerade daher kein Wort heraus. Besonders Richard gerät dabei regelrecht ins Zappeln.)Jetzt geht es schließlich um die Königin. Und nur der wird ein König werden, der sie sich erobern kann! Was stehst du da so stumm? Beißt du dich auf die Zunge? Aber warum zuckst du so? Willst du etwa schreien? Dann tu es! Dann schrei doch, Richard, schrei! (Richard beißt sich auf die Zunge und versucht auch sonst mit aller Kraft, Haltung zu bewahren. Es gelingt ihm aber immer weniger. Merlin hält ihm die Pistole ganz dicht an den Kopf) Nun, heraus damit ! (Merlin parodiert einen besonders klägli-chen Schrei. Das ist zu viel für Richard, und er läßt einen Schrei los, der seinerseits wie die Parodie auf Merlins Schrei wirkt. ) Ja, du hast dich in deiner vollen Größe gezeigt. Und nun möchtest du am liebsten heulen. (Richard rafft sich jetzt auf und versucht, Merlin die Pistole zu entreißen. Dieser Kampf ist aber schnell vorbei, weil Merlin ohne Mühe siegt) Nein, du wirst niemals König sein. Deine Muskeln sind ganz aufgeweicht. Dein Körper ist genau so verwässert, wie es deine Gedanken sind. Ja, das atlantische Bündnis hat uns alle dem Meer unterworfen. All unsre Kraft ist im nassen Element aufgelöst wie der Instant im Wasser. Selbst die Sonne dient uns zum Baden, und der Kapitalfluß reißt alles, was sich ihm wider-setzt, hinab. Alles ist flüssig geworden, und deshalb kann auch alles verdampfen und sich mit dem Element der Luft zu verbünden. Denn ohne die Luft kann man heute nicht herrschen. Man muß die Erde überfliegen, um sie ganz unter sich zu haben. Deshalb können wir schon nicht mehr kämpfen. Wir können nur noch bomben. Unsre Kraft ist in immer reinere Gefilde aufgestiegen , und so sind wir in der Lage, die Erde von oben herab zu betrachten und sie nach Herzenslust zu verachten. Denn sie wird nie und nimmer fliegen, sie ist in ihrer Schwer-kraft gefangen, sie muß Tag für Tag und Jahr für Jahr die gleichen Bahnen ziehen und muß alles schlucken, was in sie hineingeschüttet wird. Und selbst wenn sie Wasser oder Feuer spuckt, fällt das doch alles, wieder auf sie zurück. So kann sie nichts anderes tun als in ihrem Gefängnis zu strampeln und zu zappeln - so wie du, mein König. (Richard zappelt noch stär-ker; er scheint sich fast die Zunge abzubeißen.) Und nun haben sich die Mächte des Wassers und der Luft gegen die Erde verbündet, um sie noch tiefer in den Schlamm hinabzuziehen. Wen braucht sie da, um ihr zu helfen? Uns. Uns, die letzten Traumtänzer, die wir die Erde so über alle Maßen lieben, daß wir mit ihr zusammen in den Dreck gezogen werden - ja, du hast schon Recht, Margareta. Doch nur auf diese Weise wissen wir, wie man das Feuer befreit, daß es der Luft und dem Wasser standhalten kann. Dann werden in dem großen Krieg der Kontinente die Landmassen aufstehn, werden sich erheben von Dublin bis Wladiwostok, zu-sammen mit all denen, die von deinesgleichen, mein Herr Schauspieldirektor, bis aufs Blut gedemütigt wurden. (Er setzt Richard die Pistole auf die Schläfe., Anna schreit auf.)
    ANNA: Das Feuer kann die Erde doch nicht befreien! Es muß sie ja verbrennen!
    MERLIN: (setzt die Pistole mit vollendeter Grazie auf die Schläfe von Anna.) Wer sagt denn, daß Verbrennung nicht Befreiung ist? Aus dem größten Gefängnis, das es gibt. Dem eigenen Körper? Sehnst du dich nicht auch danach, mein Täubchen? (Er dreht die Pistole auf der Schläfe von Anna, Richard versucht, sich aus seiner Lage zu befreien, doch Merlin richtet sofort wieder die Pistole auf Richard.)
    MARGARETA: (nähert sich Richard. Einer aus Merlins Gruppe zückt eine Pistole, hält sie ihr an die Schläfe und versucht sie dadurch am Reden zu hindern. Es gelingt ihm aber nicht. ) Sei mir still vom Krieg. Ich weiß noch, wie das Feuer auf die Erde niederging. Und ich weiß auch, daß die Erde das Feuer nicht ersehnte. Sie wälzt und schüttelt sich ja noch heute, sie leidet schwere Not von den Giften, die man in sie hineingeschüttet hat, und sie spuckt nicht nur Wasser und Feuer, sondern auch die Toten aus. Nein, sie will nicht sterben, sie wehrt sich nach Leibeskräften, aber das gelingt ihr nicht, denn alles Tödliche, das sie ausspeit, fällt im-mer wieder auf sie zurück. Und wenn sie ihren Peinigern alles heimzahlen würde, dann wäre es auch mit ihr zu Ende. Ach, daß doch der Himmel aufrisse...(Der Mann aus Merlins Gruppe hält die Pistole dicht vor den Mund von Margareta. Sie wird still. Merlin gibt ein Signal, und seine Gruppe formiert sich wie eine Truppe, in strenger militärischer Ordnung. Die Musik spielt einen Marsch, und alle ziehen im Gleichschritt einen Kreis um Merlin, Anna, Richard, Richmond, Margaretha und ihre Bewacher. Merlin hält dabei Anna fest im Arm.
    Er gibt ein Signal, und seine Gruppe steht in strenger militärischer Ordnung. Amphibien, Bä-ren und das Kamel haben wieder ihre Tiermasken angezogen, nur Sophie bleibt in ihrem Sternenkleid. Die Musik spielt einen Marsch, und alle ziehen im Gleichschritt einen Kreis um Merlin, Anna, Richard, Richmond und Margaretha. Das geht so einige Zeit, bis der Marsch mit einer anderen, sehr archaischen Musik konfrontiert wird. Sie geht allmählich in einen Tanzrhythmus über. Tanz und Marsch kämpfen eine Zeitlang miteinander, bis auf dem Höhe-punkt des Tanzes eine Gruppe von Mischwesen die Bühne betritt, Flügelwesen, Halbtiere wie auf den Bildern von Bosch oder Grünewalds „Versuchung des heiligen Antonius.“ Sie packen sich die Marschierenden ebenso wie Merlin, die Bewacher, Anna, Margaretha und Richmond und wirbeln sie immer schneller im Tanz herum. Merlin, Sophie und einem großen Teil der Truppe gelingt es, die Flucht zu ergreifen. Einige Mitglieder der Truppe aber halten es eben-sowenig wie Richard, Richmond, Anna und Margareta durch und fallen bewußtlos zu Boden. Als alle liegen, verschwinden die Gestalten so schnell, wie sie gekommen waren. Nach einiger Zeit wachen zuerst die Mitglieder der Truppe auf und verlassen, so schnell sie können, hin-kend die Bühne. Dann kommt Anna zu sich und richtet sich auf.)
    ANNA: Was war das für ein Traum...(Ferne Musik ertönt, Anna richtet sich auf, stöhnt vor Schmerzen, öffnet das Fenster, die Musik wird lauter.) Der Mond scheint. (Sie stöhnt noch stärker und läßt sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Währenddessen wird die Musik lauter: deutlich vernehmbar ertönt Mahlers Lied vom Tambourgesell.)

    Ich armer Tambourgesell,


    Man führt mich aus dem Gwölb,


    Wär ich ein Tambour blieben,


    Dürft ich nicht gefangen liegen.






    O Galgen, du hohes Haus,


    Du siehst so furchtbar aus,


    Ich schau dich nicht mehr an,


    Weil i weiß, daß i gehör dran.





    Wenn Soldaten vorbeimarschieren,


    Bei mir nicht einquartieren.


    Wenn sie fragen, wer i g’wesen bin:


    Tambour von der Leibkompanie.





    Gute Nacht, ihr Marmelstein,


    Ihr Berg und Hügelein.


    Gute Nacht, ihr Offizier,


    Korporal und Musketier.





    Ich schrei mit lauter Stimm,


    Von euch ich Urlaub nimm.


    Gute Nacht! Gute Nacht.






    (Währenddessen versuchen Richard, Richmond und Margareta, aufzustehen, es gelingt ihnen aber nicht, und sie bleiben erschöpft liegen. Erst nach dem Ende des Liedes raffen sie sich auf und hinken ein paar Schritte.
    RICHMOND: Das war kein Traum. Das spüre ich in meinen Gliedern.(Stöhnt)
    RICHARD: Kein Traum. Was sonst?
    RICHMOND: Da liegt noch etwas herum. ( Alle blicken auf die Tierköpfe und die anderen Maskenteile, die liegen gelassen wurden, und zucken zusammen.)
    MARGARETA: Da ist eine Pistole.
    RICHARD: Wohl das Spielzeug von Merlin. (Stöhnt auf.)
    MARGARETA: (hebt die Pistole auf und sieht sie näher an. ) Nein. Sie ist echt. Und geladen.
    (Alle humpeln aufeinander zu und umarmen sich angstvoll).

    ENDE
    Monday, August 21st, 2006
    12:05 pm
    Anschlag auf das Schloß

    Wer nachzuweisen versucht, daß beim Bachmann-Wettbewerb 2006 die Juroren, um den milden Ausdruck von Wieland Freund zu benutzen, vergackeiert wurden, rennt offene Türen ein. Harald Staun (FAZ), Wieland Freund (Welt) oder Ina Hartwig (Frankfurter Rundschau) haben klar aufgezeigt, daß die preisgekrönte Geschichte der Berliner Literatur-Debütantin Kathrin Passig vom Überlebenskampf einer Person im Schnee eigens geschrieben wurde, um die Juroren vorzuführen. Mittlerweile hat es sich ja herumgesprochen, daß die „Zentrale Intelligenz-Agentur“ (abgekürzt ZIA), eine Firma im Grenzbereich zwischen Werbeagentur und Werbe-Persiflage, auch andere Unternehmen, wie etwa VW oder BMV, mit ihren Auftragsarbeiten hinters Licht führt.
    Kathrin Passig ist in diesem Unternehmen, das durchgängig mit einer Geheimdienst-Metaphorik arbeitet, als „Agentin“ tätig; sie hat also dort eine wichtige Position inne. Immer geht es bei ihrer Tätigkeit für die ZIA um Persiflage, um eine Subversion von Kommunikationsstrukturen, um Fakes, kurz: um das, was man als „Kommunikationsguerilla“ bezeichnet. Das Spiel mit Nonsens – Werbung oder mit fiktiven Personen ist heute in einer bestimmten Szene weit verbreitet, die vom Internet und seinen Kommunikationsmöglichkeiten geprägt ist. Weil die ZIA regelmäßig trojanische Pferde in den verschiedenartigsten Branchen unterbringt (so gab es einmal den fehlgeschlagenen Versuch, einer fiktiven Mode-Designerin zum Erfolg zu verhelfen), klingt die defensive Behauptung Kathrin Passigs, ihr Text gehöre nicht zu dieser Spezies, ein wenig unglaubwürdig.
    Was wollen diese Leute? Da weiß niemand eine Antwort. Zwar veröffentlichen die ZIA - Mitarbeiter regelmäßig in linken Organen wie „taz“ oder „Jungle World“, aber jede gesellschaftskritische Theorie sucht man in dieser Welt der totalen Persiflage vergebens. In den erwähnten Artikeln wurde denn auch darauf verzichtet, einen Sinn hinter der Aktion zu suchen; die pure Schadenfreude überwog. Das ist zu bedauern, denn so kann man nichts aus der Geschichte lernen.
    Versuchen wir also, die Zeichensprache der ZIA zu entschlüsseln, um hinter den Sinn des Ganzen zu kommen. Kathrin Passig gibt in Interviews freimütig Auskunft über die Methoden, mit denen sie versucht hatte, die Aufmerksamkeit der Klagenfurter Jury zu wecken. Dies geschah nicht etwa, indem sie Klagenfurter Preistexte studierte. Statt dessen las sie eine Reihe von Sachbüchern über Menschen, die in Schnee und Eis stecken blieben. Mit genauer Intuition hat sie sich damit einem Bereich zugewandt, der wohl kaum etwas mit dem täglichen Leben der Juroren zu tun haben dürfte, sehr wohl aber als Reservoir für Bilder dienen kann, die ihren Seelenzustand charakterisieren.
    Genau dies hatten die Juroren gut verstanden, wenn sie betonten, daß der Text von Kathrin Passig von ihrem eigenen Leben im Literaturbetrieb handeln würde. Wofür steht also das Bild vom Steckenbleiben im verschneiten Riesengebirge? Es dürfte wohl nicht zu weit hergeholt sein, wenn man darin ein Symbol für das Steckenbleiben der Revolte von 1968 in der erstarrten Wirklichkeit sieht. Dieses Symbol ist nicht neu: schon 1978 hatte Enzensberger in „Der Untergang der Titanic“ das Auflaufen des Luxusdampfers auf einen Eisberg als Bild des Niedergangs dieser Revolte von 1968 gesehen.
    Daß solche Art von Bildersprache immer noch wirksam ist, zeigt deutlich, wie wenig sich seit jener Zeit auf dem Gebiet der Kultur geändert hat. Nun wird ja im allgemeinen viel darüber diskutiert, daß unsere Kultur dadurch gelähmt wird, daß die Alt-Achtundsechziger der Jugend keinen Raum bieten, weil sie nicht abtreten wollen. Diese Aussage muß freilich differenziert werden. Weil Autoren wie Gisela Elsner und Franz Innerhofer noch an den Idealen von 1968 festhielten, ließ der Literaturbetrieb sie fallen; beide nahmen sich das Leben. Das literarische Establishment der Gegenwart ist gewiß durch die Rotation der Eliten geprägt, die um 1968 stattfand. Wer aber aus dieser Elite nicht zum richtigen Zeitpunkt die Erfahrung gemacht hatte, daß seine Träume von einer besseren Gesellschaft auf Grundeis liefen, mußte aus ihr ausscheiden.
    Dabei ist die überwiegende Mehrheit der Juroren in den fünfziger Jahren geboren, gehört also nicht zu den Achtundsechzigern im engeren Sinn. Doch für keine Generation vorher und nachher waren die Ideale von 1968 mit so vielen Verheißungen verbunden wie für diese. Sie war der Willkür der kriegsgeschädigten Väter nicht mehr so ausgeliefert wie die vorangegangene Generation, weil sie von älteren Geschwistern und jungen Lehrern zum pubertären Aufbegehren ermutigt wurde. So war der Kampf gegen die Autoritäten der Kindheit für diese Generation so leicht wie das Umstoßen von Pappkameraden.
    Auch in die Strukturen des Literaturbetriebs fügte sich diese Jugend mühelos ein. So nahm sie Anteil an der Rotation der literarischen Eliten nach 1968. Je länger sich die Eliten aber in der eisigen Luft des Literaturbetriebs aufhielten, desto mehr zeigten sie sich außerstande, den Betrieb zu verändern. Dafür veränderte der Betrieb sie grundlegend. Jene, die angetreten waren, um die gegen die verkrusteten Verhältnisse im Literaturbetrieb Kräfte von unten zu mobilisieren, wurden in ein System integriert, in dem zwischen Oben und Unten eine Kluft herrscht, wie sie sonst nur in vorindustriellen Gesellschaften üblich war.
    Um dies zu verdeutlichen, genügt es, den Literaturbetrieb mit anderen Branchen zu vergleichen. Wo gibt es etwa trotz der Massenarbeitslosigkeit einen Berufszweig, in dem von allen Arbeitssuchenden höchstens 0,1 % eine Arbeit bekommen und wo Zeitungsanzeigen, in denen Verlage Autoren suchen, fast immer voraussetzen, daß diese Autoren für ihre Arbeit nicht etwa Geld bekommen, sondern Geld bezahlen müssen?
    Die Arbeitssuchenden, die dieses Opfer auf sich nehmen, nimmt man aber im Literaturbetrieb nicht ernst; Zuschußverlage heißen pauschal „Vanity Press“. Während in anderen Branchen die „Generation Praktikum“ zwar unbezahlte Arbeit leistet, ihr aber der Respekt nicht versagt wird, müssen die literarischen Praktikanten zum Schaden noch den Spott ertragen; man hält sie durchwegs für eitel.
    Blättert man freilich in den Produkten, die in dieser „Vanity Press“ erscheinen, so ist das Durchschnittsniveau so niedrig, daß der Name dieser Verlage verdient erscheint: Die Ursache ist leicht zu finden. Wer glaubt, mit selbstbezahlter Arbeit ein noch so geringes Aufsehen im Literaturbetrieb zu erregen, hat einfach keinen Durchblick und besitzt daher nicht das Mindestmaß an Intelligenz und gesellschaftlicher Sensibilität, das nötig ist, um große Literatur zu schreiben. Die Verleger der „Vanity Press“ wissen dies sehr jeder Autor gut, und deshalb zocken sie ihre Autoren so ab, wie man es im Allgemeinen nur mit Dummen macht.
    Nun sollte man meinen, daß sich seit der digitalen Revolution da einiges geändert haben sollten. Die Technik des E-Books macht es möglich, Bücher preiswert drucken zu lassen, und außerdem hatte jeder Autor die Möglichkeit, seine Arbeiten im Internet zu veröffentlichen. Und doch wurde der Literaturbetrieb dadurch nicht im geringsten verändert. Der Literaturbetrieb nimmt davon keine Notiz; er behandelt E-Book- und Homepage-Autoren so verächtlich, als hätten sie viel Geld für diese Publikationen ausgegeben. Auch diese Verachtung kann sich durch die Qualität der Texte legitimieren. Denn diese zeugt in ihrer überwiegenden Mehrheit davon, daß der naive Glaube, im Literaturbetrieb könne man sich selbständig machen, auch mit sonstigen naiven Vorstellungen über die Literatur verbunden ist.
    Gerade die Begabteren wissen besser, wie zwecklos es ist, sich auf dem Gebiet der Literatur selbständig zu machen. Wird ihnen doch sogar von offizieller Seite bedeutet, daß Ich-AGs auf dem Gebiet der Literatur höchst unerwünscht sind: sowohl Klagenfurt als auch der Deutsche Literaturfonds lehnen Autoren ab, die für ihre Publikationen selbst bezahlen mußten. Sie sind dort genau so unerwünscht wie Personen, die noch nie publiziert haben. So haben sie gelernt, daß sie nur eine einzige Chance haben: daß sich durch einen unwahrscheinlichen Glücksfall jemand von den Mächtigen des Literaturbetriebs ihrer erbarmt. So versenden sie immer wieder Manuskripte an jene Instanzen, mit denen sie in der Stille imaginäre Gespräche führen. Diese Gespräche darf niemand hören, denn sie sind in der modernen Gesellschaft ehrenrührig. In ihnen zeigen die arbeitssuchenden Autoren Reaktionen, die nur in feudalen Gesellschaften normal sind: sie machen sich ganz und gar von übergeordneten Autoritäten abhängig, flehen diese insgeheim um Gnade an, warten, warten und warten. Das deformiert ihren Charakter und auf die Dauer auch ihre Literatur.
    Kafkas Schloß ist schon allein durch seine äußere Gestalt ein genaues Symbol für diesen Betrieb: es sieht nicht wie ein Schloß, sondern wie eine gewöhnliche Ansammlung von Häusern aus und überstrahlt doch alle Prunkbauten durch die Fülle der Macht, die in ihm konzentriert ist. Haben die arbeitssuchenden Autoren nicht alle das „Schloß“ gelesen, als ginge es um ihre eigene Geschichte? Haben sie nicht all jene Instanzen, die über ihre Arbeit zu urteilen hatten, wie Kafka-Instanzen erlebt: immer wieder hinhaltend, immer wieder kleine Hoffnungssignale verbreitend, die von den Hoffenden regelmäßig überinterpretiert werden, und dann doch stets von neuem nur Katz und Maus spielend? Haben sie nicht alle wie Kafkas K. die quälende Abhängigkeit von Autoritäten erlebt, die nicht hinterfragt werden durften?
    Das Schloß Kafkas kann aber deshalb so leicht als Symbol des Literaturbetriebs angesehen werden, weil dieser Betrieb noch heute stark von Feudalismus geprägt ist. Nicht umsonst werden Literaturpreise heute noch verliehen, obwohl sie im allgemeinen nicht zurückgezahlt werden müssen. Das erinnert an die mittelalterlichen Lehen, Landgüter, die die Herrscher ihren Vasallen zukommen ließen und für nichts anderes verlangten als treue Dienste. Schon zu Zeiten Walters von der Vogelweide wurden auch Dichter derart begünstigt, und der Musenhof in Weimar unter Anna Amalia und Karl August setzte diese Tradition auch in der Neuzeit fort; nicht umsonst wurden Goethe und Schiller geadelt.
    Im 20. Jahrhundert, nach dem Ende der Monarchie, nahmen oft Verleger die Rolle von Fürsten ein, die diese Art von Gunst verliehen. Der Tod von Siegfried Unseld wurde nicht ohne Grund als Zäsur empfunden. Was aber nach ihm kam, erbte die feudalen Strukturen, ohne es zu wollen. Denn den Achtundsechzigern ging es ja auch auf dem Gebiet der Literatur um eine Revolution von unten. Indem sie die Literatur für tot erklärten, ermutigten sie zugleich jeden zum Schreiben. Schreibwerkstätten, Autorenkollektive – sie waren ein Kind jener Zeit. Im Namen der Massen wurde alles, was das literarische Leben zuvor ausmachte, ausgegrenzt, Kitsch und Kunst, Nazi- und Emigrantenerbe.
    Nur hatten sich die neuen Eliten nicht vorgestellt, was für einen Verfall des literarischen Niveaus sie auf diese Weise bewirkt hatten. Weil sie gerade durch ihren Haß auf das Bildungsbürgertum bezeugten, wie sehr sie diesem entstammten, nahmen sie an, daß die Literatur nur auf ästhetisch anspruchsvolle Weise sterben kann. Dieser Glaube aber wurde von der Wirklichkeit gründlich widerlegt, und so richtete sich die Aggression gegen die Folgen der eigenen Kulturrevolution. Literatur wurde wieder elitär.
    Das bedeutete aber keineswegs, daß man wieder an die Zeit vor 1968 anknüpfte. Man wollte von den Wertvorstellungen der Revolte von damals so viel wie möglich retten, wenn auch der zentrale Glaube verlorengegangen war. Die Feindschaft gegen bestimmte Elemente der bürgerlichen Kultur hatte die Ideologie überlebt, die ihr die Begründung lieferte, und wurde zum blinden Reflex. Das zeigt sich vor allem an der Ablehnung des Religiösen und des Phantastischen in der anspruchsvollen Literatur durch den Betrieb. Dabei zeigen nicht nur das massenhafte Interesse an dem verstorbenen Papst und seinem Nachfolger ebenso wie die Popularität von Harry Potter, daß sehr weite Kreise der Bevölkerung an diesen Bereichen einen außergewöhnlichen Anteil nehmen.
    Doch all dies muß auch dann im Trivialen verharren, wenn es um so ernste Dinge wie etwa das Sterben eines Papstes geht. Nichts kennzeichnet die Schloßgesellschaft so sehr wie ihre Weigerung, Impulse aus der Bevölkerung aufzunehmen Selbst wenn diese Impulse wissenschaftlich begründet werden konnten, hilft dies wenig: die Natur ist in der deutschen Literatur trotz aller ökologischen Erkenntnisse immer noch ein Tabuthema.
    Dies weist darauf hin, worin die Macht der Schloßgesellschaft besteht: sie darf entscheiden, was in der Literatur ernst genommen werden darf und was nicht. Da muß es sie auch nicht weiter bekümmern, daß sie nur eine kleine Gruppe ist. Im Gegenteil : es gehörte schon immer zur aristokratischen Ehre, sich als Minderheit von den breiten Massen abheben zu können. Was aber ist das Kriterium, nach dem über Ernst und Unernst eines Textes entschieden wird? Ernst genommen wird jemand, der, aus welchen Gründen auch immer, in der gleichen Ambivalenz wie die führenden Vertreter des Literaturbetriebs verharrt: er oder sie muß zugleich die Ideale von 1968 in dogmatischer Treue vertreten und einen Horror vor ihnen entwickeln. Diese Ambivalenz ist alles andere als eine Synthese alter und neuer Wertvorstellungen. Denn zu einer Synthese gehört unweigerlich, daß man von seinen Extrempositionen abrückt und Kompromisse eingeht. Doch die Schloßgesellschaft ist ja gerade stolz auf ihre Kompromißlosigkeit; die Geste der Radikalität ist ihr auch nach dem Verlust des Glaubens an eine radikale Änderung geblieben. Wenn aber die Hinwendung zu den Massen und die Abwendung von ihnen mit gleicher Radikalität vollzogen werden, so entsteht eine Pattsituation:
    Dadurch erklärt sich die Atmosphäre der eisigen Starre, die unseren Literaturbetrieb prägt. Die eingefrorene Feudalordnung des Schlosses gibt dieser Starre eine Weihe, die sie nicht verdient. Denn sie ist nicht Folge einer höheren Einsicht, sondern nur Folge historisch bedingter Erfahrungen einer konkreten Generation. Dies wird verschwiegen, weil sonst durchsickern würde, daß diese Gruppe nicht die genügende Legitimation besitzt, über Ernst und Unernst einer literarischen Arbeit zu entscheiden. Nur manchmal lassen Vertreter der Schloßgesellschaft die Katze aus dem Sack, etwa Burkhard Spinnen, der auf einer der Klagenfurter Sitzungen behauptete: „Wir sind ja alle mal in die Kirche gedackelt.“ Aus diesem Satz spricht ein Wir-Gefühl, das sich exklusiv von dem Gefühl großer Teile der Bevölkerung abhebt. Menschen, die ihre religiöse Erziehung als angenehm erlebt haben, werden aus diesem Wir ebenso ausgeschlossen wie die immer größere Zahl von Menschen, die überhaupt keine religiöse Erziehung hatten. Die vielen Ex-DDR-Bewohner, die in ihrer Kindheit und Jugend ganz anders wohin dackeln mußten, haben zu dem Lebensgefühl der Schloßgesellschaft ohnehin keinen Zugang.
    Solches Outing ist aber selten. Im allgemeinen setzt die Schloßgesellschaft ihre Legitimität mit schweigender Selbstverständlichkeit voraus. „Ich bin, der ich bin“ – so könnte jeder ihrer Repräsentanten wie Jahwe von sich sagen. Das schafft Autorität. So stellt sich auch der jüngeren Generation nicht die Frage, ob der literarische Ausdruck ihrer eigenen Erfahrungen nicht auf diese Weise verhindert wird. Gerade aber, weil diese Autorität auf einer eingefrorenen Ambivalenz beruht, ist sie nicht zu greifen, denn sie schließt extreme Gegensätze ein. Ebenso gegensätzlich ist aber auch das, was sie ausschließt. Die Autoren, denen man die Möglichkeit verwehrt, anspruchsvolle Literatur zu produzieren, sind inhaltlich wie qualitativ so verschieden, daß sie sich unmöglich miteinander solidarisieren können.
    So bleibt den Autoren, die in den Betrieb hinein wollen, nur die totale Anpassung, ohne daß sie auf Grund ihrer Erfahrung genau wissen können, an was sie sich da anpassen. Weil die ZIA diese Anpassung nicht aus einem unklaren Gefühl heraus, sondern mit scharf kalkulierendem Intellekt vollzog, gelang ihr diese Anpassung besser als anderen. Sie brachte das Kunststück fertig, einen Anschlag auf das Schloß mit Mitteln zu verüben, die im allgemeinen wirkungslos sind. Daß eine „Ich Ich Ich AG“, die hauptsächlich im Internet tätig ist, diesen Anschlag erfolgreich durchführen konnte, ist eine große Ausnahme im Literaturbetrieb. Sie wurde durch das Bild einer Winterlandschaft möglich, die noch erstarrter als die Winterlandschaft um Kafkas Schloß ist.
    Dabei hatte Kathrin Passig einmal stark daneben gezielt; auf paradoxe Weise führte aber gerade dieses verfehlte Zielen zu einem Schuß, der besonders exakt ins Schwarze traf. Die Autorin hatte nämlich bewußt einige Falschaussagen in den Text eingebaut, wohl um die Leichtgläubigkeit der Juroren zu testen. Außerdem betonte sie, den Text bewußt humorfrei zu halten. Doch die ganz und gar nicht leichtgläubigen Juroren lachten, weil sie die Falschaussagen für eine Art von schwarzem Humor hielten. Nicht umsonst fiel das Stichwort Beckett. Dies deutet darauf hin, daß die Juroren glaubten, Kathrin Passig habe besser als die anderen Teilnehmer verstanden, daß angesichts der Bedrohung in einer vereisten Welt alle Anstrengungen der Vernunft sinnlos sind, daß zwischen richtigem und falschem Denken kein wesentlicher Unterschied besteht. Damit verrieten die Juroren, was sie so unempfindlich gegenüber kritischem Denken macht.
    Was aber wollen Leute wie Kathrin Passig? Niemand kann das schon genau sagen. Zu den Aktivitäten der ZIA gehört auch die Förderung des Popsängers Jens Friebe. Vier Zeilen aus einem seiner Songs können als Motto für die Tätigkeit der ZIA dienen:
    „Ich habe jede Menge Ziele / Ihr habt vielleicht mehr / Aber ich hab auch ganz viele / Ich verrat sie euch bloß hinterher.“
    Kann man da schon mitraten? Die Tatsache, daß die ZIA an so dezidiert linken Organen wie taz oder Jungle World mitarbeitet und daß ihre Autoren im ebenso linken Verbrecher Verlag publizieren ,scheint auf eine Spur zu führen. Doch ebenso wäre es möglich, daß diese Organe genau so wie VW oder BMV oder wie die Klagenfurter Juroren durch die Tätigkeit der ZIA - nun ja, vergackeiert wurden.
    Worin aber könnte ein Motiv zur von Unterwanderung dieser finanziell nun wirklich nicht einflußreichen linken Organen liegen? Wenn man sich ein wenig in der Kommunikationsguerilla – Szene auskennt, so kann man beobachten, wie deren Techniken oft dazu verwendet wurden, um Querfront-Verbindungen zwischen extremer Rechter und extremer Linker herzustellen. Das fing schon mit Guy Debord an, dem Initiator der Kommunikationsguerilla, der den Pariser Mai stark prägte und sich 1994 das Leben nahm. Debord gab nämlich mit Pierre Guillaume, einem französischen Revisionisten, eine Zeitung heraus. Alexander Dugin, der führende Ideologe der Neuen Rechten in Rußland, schrieb denn auch einen engagierten Nachruf auf Debord.
    Weitere rot-braune Querfront - Aktionen lassen sich leicht aufzeigen. Die Berliner Szene spielt da keine geringe Rolle. So lud der bekannte Schriftsteller Bert Papenfuß die Musikgruppe „Graschdanskaja Oborona“, die in Rußland zu den rot-braunen Gruppierungen gehört, mehrmals nach Berlin ein. Diese Gruppe gastierte auch im „Kaffee Burger“, einem Berliner Szenetreff, in dem auch die Versammlung des Verbrecher Verlags, in dem die ZIA publiziert, öfters tagte.
    Doch andererseits hat der Verbrecher Verlag linke Antifa-Literatur publiziert, und aus den Aktivitäten der ZIA läßt sich rein inhaltlich wenig schließen. Nur eines macht stutzig: zu den Projekten der ZIA gehört auch „das selbstlose Engagement für das nach Plan verlaufende Comeback des Popliteraturerfinders Joachim Lottmann“. Zu diesem in der Tat erfolgreichen Engagement gehört aber auch eine Diskussion über unveröffentlichte Passagen aus einem Roman von Lottmann, die recht heftigen antisemitischen Porno enthalten. In gleich zwei Weblogs der ZIA ist diese Diskussion dokumentiert: http://www.alles-bonanza.net/forum/printthread.php?t=10527&page=8&pp=10 und http://www.hoeflichepaparazzi.de/forum/showthread.php?t=10527&page=8. Das beweist noch nicht die Zugehörigkeit der ZIA zur rechten Kommunikationsguerilla – Szene; es kann auch Ausdruck eines schrankenlosen Zynismus sein. Doch auf alle Fälle stellt sich nach der Lektüre dieser Texte die Frage: sollen diese Leute wirklich die deutsche Literatur erneuern?
    12:01 pm
    Die steinernen Gäste
    An dieser Geschichte ist nichts, aber auch gar nichts ausgedacht. Das zu betonen ist wichtig, obwohl es mir gegen den Strich geht. Fakten sind Pflicht, keine Kür für mich, die ich doch erst richtig Lust am Schreiben habe, wenn ich mir zu meinen Geschichten eine eigene Stadt erfinden darf. Und dennoch muß ich noch einmal betonen, daß hier alles anders war. Denn wäre die Geschichte nur ein klein wenig fiktiv, so könnte sie mir niemand glauben. Literarisch gesehen, wäre sie einfach zu schlecht: unwahrscheinlich, effekthascherisch, nur auf die Pointe ausgerichtet. Doch manchmal bricht das Leben selbst aus dem Zwang aus, wahrscheinlich zu sein. Es will konstruieren und Pointen erfinden, gerade weil das ihm die Menschen je weniger zutrauen, desto besser ihr Geschmack ist. In solchen Augenblicken bereitet dann auch mir das Schreiben über die Wirklichkeit besondere Lust.
    Es war in den siebziger Jahren, als ich mich für mein bestandenes Doktorexamen mit einer Reise nach Wien belohnte. Ich wohnte in einer kleinen Pension in der Währinger Straße. Sie war so eingerichtet, wie die kleinen Pensionen im allgemeinen eingerichtet sind, doch der feenhafte Lift und die nicht weniger phantastischen Kacheln zeugten von der Gegenwart des 19, Jahrhunderts. Das alles gefiel mir besser als viele Gegenstände aus der Gründerzeit, die damals die Studentenzimmer überschwemmten, und doch konnte ich mich nicht so darüber freuen wie über die alten Sachen zu Hause.
    Warum aber freute man sich in den Siebzigern so über alte Sachen? Ach, die Erinnerung an jenes Vergnügen ist heute in ein schwarzes Loch gefallen. Wer denkt noch an die Sperrmülltage? Damals konnte man nicht einfach anrufen, wenn man Gerümpel loswerden wollte. Dafür gab es nur bestimmte Tage, in jedem Viertel andere, und erst am Abend vor dem Abtransport durfte man die Sachen auf die Straße stellen. So füllten sich in der Dämmerstunde die Straßen mit Studenten, lautlos, wie auf Zehenspitzen, bewegten sie sich um die Möbelberge herum, andächtig wie Kinder vor einem Haufen verpackter Weihnachtsgeschenke.
    Die größten Geschenke in diesem Haufen stammten aber aus der Gründerzeit. Vieldeutig war die Lust, sie auszupacken. Das war zum einen die Kinderlust, in Dreck und Matsch zu panschen, denn in diesen Dingen schien der Müll zu sich selbst gekommen zu sein, weit mehr als in Staubklumpen, Obstschalen, Spinnweben oder im zerknüllten Papier, wenn er hier auch sperriger war. Denn zu allem Dreck kam noch der schlechte Geschmack, den die Dinge hier so zu verkörpern schienen, als seien sie eigens für den Müll geschaffen, auf dem wir sie fanden. Doch diese Kinderlust am Dreck verband sich überraschend mit der Lust an der Verwandlung: in den Studentenzimmern entfaltete der Müll einen unerwarteten Glanz, erfüllte selbst Bruchbuden mit der Aura von Schlössern, die verwildert waren wie jene Gärten, die man allmählich als Biotope entdeckte.
    Wurzelte nicht auch die Hoffnung jener Jahre, daß durch ein Aufbegehren von ganz unten etwas Neues, Besseres entstehen könnte, in solchen Sperrmüll – Erfahrungen? Und hing das vielzitierte Ende aller Utopien nicht damit zusammen, daß sich in den achtziger Jahren die Innenräume der Paläste wieder zurück in Sperrmüll verwandelten, der dann auch eilig abgeräumt wurde? Von unten – diese beiden Wörtchen klingen heute so fremd, als seien sie zum letzten Mal vor tausend Jahren ausgesprochen worden. Das lag wohl daran, daß man damals glaubte, sich für den schweren Weg nach unten Mut ankiffen zu müssen, und auch jene, die ohne Drogen Sperrmüll sammelten, waren auf Schritt und Tritt so in den Hanfdunst eingehüllt, daß sie zu Passivkiffern wurden. Als dann in den Achtzigern der große Haschischkater kam, verließ die Aktiv- und Passivkiffer der Mut, und der Müll geriet zurück auf die Kippe, die ihm von Anfang an zugedacht war.
    Als ich aber damals im Wien war, ahnte man noch nichts vom Ende der Sperrmüll-Ära. Deshalb erkannte ich auch bald, daß mich an den alten Sachen in Wien vor allem das eine störte: sie waren noch nie auf dem Sperrmüll und würden auch niemals dort landen. Als ich dann die Ringstraßengebäude von innen sah, wurde mir noch klarer, warum das so war. Man baute die Theater, Parlamente, Rathäuser, Universitäten und Museen nicht anders, als man früher die Schlösser baute. Die neue Pracht lag auf der alten, wie in Korallenriffen die alten Schichten auf den neuen liegen. Wenn Korallen sterben, werden sie nicht einfach zu Erde, sondern sie erhalten eine neue, steinerne Gestalt. So wird jede Generation von Korallen zu ihrem eigenen Denkmal, und die neuen Mäler ruhen auf den älteren, bis das Riff zur Klippe wird.
    Die Schicht des Historismus lag nun in Wien zwar unter der Gegenwart, die auch hier wie überall eine Ausnahme bildete, doch immer noch ziemlich oben, weit, weit entfernt von der Erde, die ja nur von den ganz und gar vergessenen Schichten der Vorgeschichte berührt wird. Und genau das war es, was mich in Wien an Prag erinnerte. Dort fuhr ich als Slavistin öfter hin und sah dort erstmalig die Korallenriffe. Das lockte und beklemmte mich zugleich. Im spätsozialistischen Alltag, der wirklich so grau wie das Klischee von ihm erschien, ragten die alten Steine selbst dann noch strahlend hervor, wenn sie am Zerbröckeln und Verwittern waren. Das regte dazu an, in der tschechischen Sprache, die noch immer eine faszinierende Baustelle war, die kühnsten Konstruktionen zu errichten, um den alten Steinen wenigstens etwas nahe zu sein. Vieles verpuffte da beim Sprechen, was, aufgeschrieben, manches Gedruckte in den Schatten hätte stellen können. Die offizielle Macht mit ihren Schikanen schien in solchen Augenblicken weit, weit fort.
    Doch hatte dies auch einen hohen Preis. Kaum etwas ist ja so wenig geheuer wie das Gefühl, daß uns die Toten ständig überragen. Fühlte ich mich deshalb manchmal in den Plattenbautenvierteln fast erleichtert, daß ich die schönen alten Gebäude nicht mehr sehen mußte und nur von Mauern umgeben war, die sich so häßlich zeigten, daß man ganz tief nach unten gezogen wurde? Immer mehr schien mir, als ob jene Toten, die sich so unter die Lebenden drängen, daß ihnen keiner mehr entrinnen kann, nicht gerade zu den besten Vertretern ihrer Spezies gehörten. Schätzen wir nicht zu Recht jene Toten mehr, die uns gegenüber Diskretion bewahren, als jene, die unbedingt von uns etwas wollen?
    So schien es mir in Prag zuzeiten, als ob die toten Könige, die ihre Macht verloren hatten, sich unter die Lebenden mischten, um sich für ihre Erniedrigung zu rächen. Als ich auf den Bildern des Prager Malers Jan Souček sah, wie Plattenbauten und Kathedralen in einer ganz und gar geplünderten Landschaft ohne den Hauch einer Vegetation um die Wette wucherten, verstand ich, daß Zerstörungswut, die mit nichts weniger zufrieden ist als mit der Verwüstung der gesamten Erde, nichts Neues, sondern etwas Uraltes ist. Da mußte ich an einen anderen Maler denken, der im frühen 17. Jahrhundert , schon als Kind aus Lothringen gekommen, in Neapel tätig war: Francois de Nomé, genannt Desiderio Monsù. Als Souček in einem Gespräch ihn zu seinen Vorbildern zählte, war ich nicht überrascht; ich hatte ja nichts anderes erwartet.
    Die Bilder des Lothringers lassen einen erschauern wie sonst nichts in der Kunstgeschichte. Und das nicht etwa nur, weil stets in ihnen etwas zerstört wird, Mauern bersten, Säulen einknicken, Balken verkohlen. Das gab es auch in anderen Bildern jener Zeit, und manchmal wirkt es dort fast schon romantisch. Daß in den Bildern Desiderios nicht einmal ein Grashalm wächst, höchstens ein paar ganz und gar entlaubte Bäume ragen, ist unromantisch genug, doch rührt der Schrecken nur daher? Nicht geheuer war auch das Licht in den Bildern: aschfahl, schwefelgelb, kohlschwarz und immer wieder einen viel zu hellen Schein ausstrahlend, den es in Wirklichkeit wohl erst im 20.Jahrhundert gab. Warf man da schon all die Bomben, die man erst später erfinden sollte? Doch wirkten diese Mauern zugleich auch uralt, all jene toten Epochen, die man im Müll der Geschichte zu vermodern glaubte, ragten hoch ,als seien alle Zerstörungen nur Schrammen auf ihren Steinen. Antike, Gotik, Renaissance, Barock: das findet sich so fraglos nebeneinander, als sei die Zeit für immer in der Vergangenheit angelangt, und es gäbe keine Gegenwart und keine Zukunft mehr.
    Und dennoch ging von dieser Vergangenheit eine heftige Bewegung aus, feindselig gegen unsre Gegenwart gerichtet und sich daher mit der Zukunft und ihrer neuen Waffentechnik verbündend. Wer aber bewegte sich da? Es waren die Statuen, die in diesen Mauern mehr als zahlreich vorhanden waren. Sie standen nicht im freien Raum, sondern schienen, wie in alten Kirchen, an die Säulen gefesselt, trugen zur Statik des Ganzen bei. Auch in den Farben waren sie dessen Teil: braun wie verbrannte Erde, kohlrabenschwarz, doch zumeist so überhell wie das Licht des 20. Jahrhunderts. Und immer wieder, angespornt von diesem Licht, versuchten die Standbilder, über ihre steinerne Schwerkraft zu siegen und so ihre Fesseln zu sprengen. Schon reden sie miteinander, schon gehen sie aufeinander zu und konspirieren. Doch bald verlassen sie das Gemälde und holen uns, die Lebenden ein.
    Und damit erschreckten die Bilder am meisten. Es war ein Schrecken, den auch Don Giovanni erfahren mußte, als das Standbild des von ihm getöteten Komturs, das er nachts auf einem Friedhof zum Abendessen eingeladen hatte, wirklich bei ihm erscheint. Lauter steinerne Gäste schienen sich in Prag und Wien in den Gassen zwischen alten Mauern zu verstecken, lauernd auf den Überfall.
    Warum spürte ich sie nicht daheim in Deutschland? Das war der Unterschied: in Deutschland lagen die Toten so reglos unter der Erde, daß niemand mehr glauben konnte, daß sie eines Tages vom Sockel steigen werden. Dabei gab es Don Giovannis mehr als genug, sie fanden regelrecht Zuflucht bei uns, weil niemand ihnen zu einem besseren Gewissen verhelfen konnte als wir. „Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment“ – welcher der großen Verführer wurde je so freundlich parodiert? Wir brauchten ja die Don Giovannis für den Krieg der Gegenwart gegen die übrige Zeit, den wir verbissener als andere führten. Das schien auch logisch zu sein, denn nur, wenn es ein für allemal keine Vergangenheit mehr gibt, sind wir ein Volk wie alle anderen. Wer aber kann in diesem Krieg mehr siegen als einer, der die Vergangenheit so konsequent beseitigt hat, daß er sich nicht einmal an seine letzte Liebe erinnern kann?
    Deshalb konnten wir die Toten auch ohne Angst verhöhnen, konnten im Regietheater galvanisierte Leichen auf die Bühne stellen und sie so zum Gegenstand des Spottes machten, ohne daß sie sich rächten, indem sie sich als steinerne Gäste unter die Lebenden mischten. Ihre Antwort auf unsere Provokationen war nur Totenstille. Und nur, wenn wir uns –aktiv oder passiv– Mut ankifften, spürten wir noch etwas von der Trauer darüber, daß mit den Schrecken der Vergangenheit auch die freundlicheren Toten zurückgedrängt wurden, deren Erbe auf dem Sperrmüll zerfiel, doch selbst noch im Abfall den Vor-Schein einer ungeahnten Hoffnung ausstrahlen konnte.
    Daß es in Prag diesen Vorschein nicht gab, daß dafür die steinernen Gäste am Horizont erschienen, erschreckte mich nicht wenig. Doch dafür war ich mitten der Unfreiheit von dem Schweigen befreit, das mit Verscheuchung der Toten über unser Land gekommen war. Denn dem Ansturm der steinernen Gäste begegnete man dort mit einer Sprache, die, so lange von der deutschen Sprache wie von einer Riesenschlange eingezwängt und an der Entfaltung gehindert, noch immer eine gewaltige Baustelle war. Und ich, die Fremde, konnte beim Bauen helfen. Immer wieder freuten sich die Leute über Schnitzer in meiner Sprache, weil so, wenn auch unfreiwillig, Neologismen entstanden, die bei den Bauarbeiten helfen konnten.
    Ich bezeuge es: das, was die Leute in Prag damals bauten, um mit den steinernen Gästen fertig zu werden, war große Literatur, die nur leider verpuffte, weil der Akt des Sprechens so wichtig war, daß man kaum ans Aufschreiben dachte, wobei die Zensur ihr Übriges tat. Doch ganz zurückdrängen konnte man die steinernen Gäste nicht, sie forderten stets mehr und mehr, forderten die Sprache heraus, die in keiner Schrift zur Ruhe kam.
    Doch warum spürte ich die steinernen Gäste in Wien noch stärker? Das lag wohl daran, daß ich dort nur sehr wenig sprach. Daher lastete die Gegenwart der Gäste so stark und nichts entlastete mich. Und dabei hatte ich mich auf nichts so sehr gefreut wie auf das Sprechen in Wien . Ich war ja damals so tollkühn, daß ich einfach beschloß, Friedrich Heer zu besuchen. Und er ließ mich auch wirklich zu sich kommen, in das Dachgeschoß des Burgtheaters, wo er damals Dramaturg war. Seine immer dicker werdenden Bücher über weite, weite Felder der Kulturgeschichte regten mich damals an wie wenig anderes. Denn ich spürte, daß es in ihnen um nichts anderes ging als um den Versuch, den Krieg von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu beenden, indem er Lebende und Tote miteinander ins Gespräch zu bringen suchte. „Gespräch der Feinde“ – so hieß nicht ohne Grund ein Buch von ihm. Doch ist das Wort „Gespräch“ im Grunde zu matt, um das zu bezeichnen, wie die Lebenden da mit den Toten umgehen müssen. Beide Gruppen sind bei ihm vereint durch das Wissen, daß sie nie voneinander loskommen können und mußten deshalb reden, reden und immerzu reden. Fünfzehntausend Seiten, las ich, umfaßt das Werk von Friedrich Heer (fünfzigtausend sogar nach anderen Quellen).
    Redeten wir auch miteinander, als ich bei ihm im Burgtheater saß, über den Dächern von Wien? Ach, ich weiß nicht so genau, was wir da im einzelnen sagten. Irgend etwas erzählte ich von Prag, und er fragte mich plötzlich, ob das Datum von heute aufgefallen sei: der zehnte April. Ich wußte nicht, was ich mit diesem Datum anfangen sollte. Daß es an diesem Tag im Jahre 1938 die Volksabstimmung gab, die den Anschluß Österreichs an Deutschland besiegelte, war mir noch nie ins Bewußtsein gedrungen. Daß dieser Tag dazu noch der Geburtstag von Friedrich Heer war, erfuhr ich erst viel später. Dann sagte er ebenso unvermittelt etwas Negatives über die Wiener und meinte, ich solle abends in ein Beisl gehen und mir die bösen Gesichter der Leute ansehen.
    Das konnte doch nicht alles sein? Das wirkliche Gespräch, das große, befreiende mußte doch noch kommen! Er schien es ähnlich zu empfinden; schließlich sagte er, daß ich ihn am nächsten Nachmittag um fünf Uhr anrufen solle, damit wir dann einen neuen Termin verabreden könnten.
    Am nächsten Tag rief ich um fünf Uhr nachmittags im Burgtheater an. Er sagte, daß er jetzt noch nicht wisse, wann er Zeit haben werde, ich solle morgen anrufen, wieder um fünf. Am folgenden Tag rief ich wieder an; er verschob die Verabredung wieder auf morgen, wieder um fünf. So war ich die folgenden Tage allein mit Leuten, die ich nicht kannte und mit ihnen daher nur wenig sprach. Öfters ging ich in ein Beisl, doch die bösen Gesichter konnte ich dort nicht entdecken. Freilich gehört es nicht gerade zu meinen Begabungen, in Gesichtern lesen zu können.
    Gelesen hatte ich allerdings in Büchern, die ihrer Ausstrahlung nach zu manchen bösen Gesichtern hätten gehören können, denn die deutsche Literatur lag seinerzeit recht fest in österreichischer Hand. Warum jedoch bediente diese feste Hand vornehmlich deutsche Verlage? Sie hatte bei uns auch eine feste Aufgabe, mußte die deutsche Totenstille vor den steinernen Gästen schützen, mußte die Gäste zerhacken, zerstechen, zertreten. Eine Überlastung war das für sie, eine regelrechte Sisyphus-Arbeit; die Gäste waren ja nicht totzukriegen, denn sie hatten den Tod schon hinter sich. Waren es nur die Literaten, die an Überlastung litten? Mir schien es damals, als ob ihr Herz und Kreislauf angreifender Stress auf viele ganz normale Leute ausstrahlte, die sich auf den Straßen Wiens im Schatten Desiderio Monsùs bewegten.
    War es aber ausgeschlossen, daß wenigstens die Wiener Studenten sich von Zeit zu Zeit von diesem Stress erholten, indem sie Sperrmüll sammelten? Keineswegs. Doch der Höhepunkt der Sperrmülltage bestand immer wieder im Finden von Stücken aus der Gründerzeit. Nun gab es in der Donaumonarchie zwar Historismus, aber eine Gründerzeit? Was wurde da gegründet? Gar nichts. Da war kein Reich zu Trümmern zerfallen und wurde neu aufgestellt , da ging nur alles weiter, da lagerte sich eine Schicht von Korallen über die andere und verwuchs mit ihr bis zur Untrennbarkeit.
    Bei uns aber lag alles am Boden, und so glichen auch die aus dem Boden gestampften Häuser der Gründerzeit in vielem künstlichen Ruinen, und die Möbel in ihnen sahen schon ein wenig nach dem Sperrmüll aus, auf dem sie einmal liegen würden. Doch gerade darin lag für uns, die wir die Möbel vom Boden aufhoben, ihr ganz besonderer Reiz. Sie überragten uns nicht mehr, die Macht der Toten war ganz und gar zu Ende, doch dies allein öffnete den Zugang zu den freundlicheren Toten, die uns nur nahekommen, wenn wir wie sie auf jede Macht verzichten.
    Doch wir mußten uns - aktiv oder passiv – Mut ankiffen, um uns dem Sperrmüll zu stellen, denn es macht Angst, auf jede Macht zu verzichten. Als dann der große Haschischkater kam, fing auch das Großreinemachen an. Die Generation, die alles wollte, nur nicht wie ihre Vorfahren sein, wiederholte wie im Traum die Gesten, die den Rhythmus unserer Geschichte prägten. Was aber prägte diese Geschichte mehr, als die ständig neue Wiederkehr der Stunde null, herbeigeführt durch eine wilde Putzwut? Wiederholten wir nicht beim Säubern unsrer Städte von Sperrmüll, Biotopen, Farben und Gerüchen der Hippie-Ära den Übereifer der Leute in der Wiederaufbauzeit, die die Häuser innen und außen von all dem Wildwuchs der Trümmerjahre säuberten?
    Mit dem gleichen Übereifer räumte man hierzulande schon nach dem Ersten Weltkrieg die Überreste des 19. Jahrhunderts fort, obwohl sie noch nicht in Trümmern lagen. Und im frühen Klassizismus schüttelte man nicht nur die Barockzeit mit ihren Schrecken, sondern auch ihre lange Vorgeschichte ab wie einen Pelz voller Läuse. Da schwebte über uns das Ideal von einem Griechenland , das nur aus weißen Säulen und weißen Statuen bestand, ein Land, das es in Wirklichkeit nie gab, das nur in einem Traum entstehen konnte, in dem sich die Welt im Gegensatz zur Wirklichkeit so gründlich putzen ließ, daß kein einziges Stäubchen mehr übrig blieb. Kein Wunder , daß man wieder von den freundlicheren Toten und von Ruinen träumte, in deren Umkreis die Natur verwildern durfte, und wo man Häuser baute, die jenen Traumruinen ähnelten, Städte wie Haschischvisionen, und auf ihnen ein reales Reich mit einem ganz konkreten Kaiser. Ach, diese Träume erwiesen sich als Schäume, und als diese Schäume schnell in sich zusammengefallen waren, ging man wieder ans Großreinemachen.
    Da wollte man noch reiner als rein sein, da steigerte man seine Putzwut bis zum Wahnsinn und wollte ein Reich erbauen, in dem nur Menschen leben durften, die so weiß wie erträumte griechische Statuen waren.
    Nicht nur erträumte, sondern sehr reale Trümmer blieben übrig von diesem Reich, und schon ging es wieder ans Großreinemachen. Mitgegangen, mitgefangen mußte man in Wien auch mitsäubern, wenn auch der Stress viel stärker war - Korallenriffe lassen sich ja nicht so einfach von der Stelle bewegen.
    Führte es nicht, wie das Zappeln der Fliege im Spinnennetz, tiefer in die Verstrickung hinein? Reinigung, die die Erinnerung wegputzt, Reinigung ohne Reue – das war wohl der Traum, der unsrem Land wie kein anderer anspornend wirkte. Und haßte man nicht die Juden vor allem dafür, daß sie den Gedanken der Reue mit sich brachten und es so unmöglich machten, die Erinnerung in einem Großreinemachen wegzuwischen, daß man sich wie frischgebadet zu neuen Ufern hinbewegt. Wenn man aber gerade die Schuld an den Juden, die in dieser Hypertrophie der Putzwut wurzelt, durch Großreinemachen loswerden will – treibt man nicht da den Teufel mit seinem Zwillingsbruder Beelzebub aus? Hitlers erstes Opfer war wohl sein eigener österreichischer Akzent, dargebracht auf dem Altar der deutschen Sauberkeit.
    Das alles ging mir damals auf den Wiener Straßen nur unklar durch den Kopf, doch fühlte ich eines immer klarer: je mehr der Stress zunimmt, der die steinernen Gäste zurückdrängt, desto aufdringlicher müssen sie werden. Die toten Könige, die alles wollen, nur nicht den Verzicht auf irdische Macht, reagieren auf die Kriegserklärung mit verstärkter Rüstung.
    Während mir das alles durch den Kopf ging, rief ich jeden Nachmittag um fünf bei Friedrich Heer an. Immer wieder versprach er mir, beim nächsten Anruf einen Termin zu machen. Das ging vierzehn Tage lang, bis zum Ende meiner Reise, nur samstags und sonntags war Pause. In Schönbrunn, auf dem Kahlenberg, in Grinzing: überall ging kurz vor fünf die Suche nach der Telefonzelle los, und immer wurde sie gefunden, damit sich das Ritual vollziehen konnte.
    Was bewegte mich dazu, daß ich dieses Ritual geradezu pedantisch einhielt, wo mir doch sonst nichts ferner liegt als Pedanterie? Hatte ich denn seine letzten Bücher nicht gelesen? Fühlte ich denn nicht, daß in diesen kolossalen Wortgebäuden (ja, es waren wohl fünfzigtausend Seiten, vierhundertfünfundsiebzig Seiten umfaßt allein die Bibliographie) sich im Mauerwerk schon etwas regte, das die ganze Statik früher oder später außer Kraft setzen mußte? Doch, schon, aber ich wollte nichts davon wissen. Wo, außer in diesen Gebäuden, sprachen die Lebenden so mit den Toten, daß diese ganz und gar nicht steinern erschienen? Doch wenn ich es auch übersehen wollte – fühlen mußte ich doch, daß die steinernen Gäste selbst in dieses Gebäude eindringen mußten, daß der Krieg der Lebenden gegen die Toten selbst in diesem Schutzraum seine Fortsetzung fand.

    So ging ich durch die Wiener Straßen mit dem Gefühl der unsichtbaren Gegenwart dieses Krieges. Wird sie bald sichtbarer werden? Es kämpfen ja nicht nur die Lebenden gegen die Toten, denn die unfreundlichen Toten fanden viele Diener, die als Fundamentalisten bezeugten, wie sie die Steine zu respektieren wußten. Kein Wunder , daß ich erwartete, bald zum ersten Mal ein Bild von Desiderio Monsù vor meinen Augen zu sehen. Im Kunsthistorischen Museum, dessen Eingang dem eines Schlosses glich, mußte es doch hängen! Doch ich sah nur die Werke der freundlicheren Toten , die mich davon träumen ließen, wie es wäre, wenn der Krieg der Lebenden und Toten ein Ende findet und die Schönheit der Korallenriffe in dieser Stadt in Ruhe bestaunt werden kann.
    Doch die Unruhe schien mir auf den Straßen noch stärker zu werden, jetzt, da ich nicht mehr wußte, in welchem Raum ich Desiderio Monsù noch suchen sollte. Etwas Ruhe gab es freilich in dem Café in einer Seitengasse, das nachmittags schon fast zu meinem Wohnzimmer geworden sein schien - erst später erfuhr ich, daß es das Hawelka war. Da bekam ein Mann ganz plötzlich einen Herzinfarkt, Sanitäter drangen in den Raum ein und bemühten sich um ihn. Ich war so erschrocken, daß ich nicht anders als hinstarren konnte. Plötzlich redete ein Mann am Nebentisch mich an. „Dös gfallt Eana“ sagte er nicht ohne Vorwurf. Ich fühlte mich getroffen. Das Ganze gefiel mir gar nicht, ich starrte doch nur vor Schrecken,– oder darf man das nicht in Wien?
    Diese Frage beschäftigte sich mich auch in den nächsten Tagen, wo ich schon nicht mehr wußte, was ich mir ansehen sollte, weil in meinem Reiseführer nicht mehr viel Neues stand. Meine Reise ging langsam zu Ende, die Fünf-Uhr-Telefongespräche fanden zwar noch pünktlich statt, doch ich wußte, daß das Wunder nicht mehr geschehen würde. Etwas freilich konnte ich in meinem Reiseführer noch entdecken: die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, die offensichtlich als Geheimtip galt. Es war nicht leicht, den Raum zu finden. Glich er doch mehr einer hochfeudalen Wohnung als einem Ausstellungssaal. Bilder von Rembrandt und Rubens, von Claude Lorrain und anderen Großen hingen hier, als hätte sie ein besessener Sammler errafft – um welchen Preis?
    Ein junger Mann, ganz offensichtlich Kunststudent, der all das bewachte, war der einzige Mensch mit mir im Raum. Ruhig, mit keineswegs bösem Gesicht, beobachtete er, wie ich mich von den großen Zimmern in die kleineren bewegte. Im allerkleinsten hingen die venezianischen Veduten, Arbeiten ohne Schwerkraft, zum Entspannen gemacht. Doch was hing da zwischen ihnen? Ich zuckte zusammen, erstarrte. Ja, das war Desiderio, und die steinernen Gäste bewegten sich direkt auf mich zu.
    Der Wächter sah mich ein wenig sonderbar an.
    „Dös gfallt Eana“ sagte der Mann.
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